Es gab dort keine Freunde. Es gab nur Kameraden - Ein Interview mit einem Aussteiger

Er macht einen sehr ent­spann­ten Ein­druck, Ter­mi­ne wie die­ser gehö­ren seit ein paar Jah­ren zu sei­nem All­tag dazu. Und doch kann man immer noch erken­nen, wie es ihn bewegt. Wie er ver­sucht, uns etwas zu erklä­ren, was man eigent­lich nur ver­ste­hen kann, wenn man selbst dabei war.

Der Ein­stieg Chris­toph Sor­ges in die rech­te Sze­ne klingt bei­na­he nach Kli­schee: Früh mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Gedan­ken­gut in Kon­takt gekom­men, danach in der Sze­ne einen ent­spre­chen­den Freun­des­kreis auf­ge­baut, ein Gefühl von Stär­ke und Über­le­gen­heit.

Und doch ist er, wie bei jedem ande­ren auch, sehr indi­vi­du­ell, per­sön­lich. Es gehört schon viel dazu, über sol­che Din­ge offen zu spre­chen, zu wis­sen, dass man dafür vom Gegen­über ver­mut­lich inner­lich ver­ur­teilt wird, selbst, wenn man sich nun anders ent­schie­den hat, und es doch frei­wil­lig auf sich zu neh­men. Dazu gehört eine neu gewon­ne­ne Ent­schlos­sen­heit, das Rich­ti­ge zu tun, und die Hoff­nung, ande­re vor dem zu bewah­ren, was einem selbst wider­fah­ren ist.

Chris­toph Sor­ge kam früh mit rech­ter Ideo­lo­gie in Kon­takt, sehr früh. Im Alter von 9 Jah­ren wur­de ihm mit­hil­fe des Tage­buchs eines deut­schen Sol­da­ten im Zwei­ten Welt­krieg vom Bru­der eines Sand­kas­ten­freun­des das Lesen und Schrei­ben bei­ge­bracht. Doch abge­se­hen davon war bei ihm alles voll­kom­men nor­mal. Ein gut situ­ier­tes Eltern­haus, nor­ma­les Wohn­um­feld, Mit­tel­stand.

Aber sein Inter­es­se war geweckt, und mit 14 Jah­ren war der Punkt erreicht, an dem er sich nun rück­bli­ckend als „rechts­ra­di­kal“ bezeich­nen wür­de. 11 Jah­re spä­ter, im Jahr 2013, begann dann schließ­lich sein Aus­stieg. Ein Unter­fan­gen, das, anders als wir es ange­nom­men hät­ten, nichts ist, was in einer Woche erle­digt war, son­dern sich über meh­re­re Mona­te hin­zog.

Die Fra­ge nach dem Anfang

Das ist wohl die ers­te Fra­ge, die sich jeder auto­ma­tisch stellt. Wie hat das alles ange­fan­gen? Was muss pas­siert sein, damit es am Ende so weit kom­men konn­te?

Ein Teil der Ant­wort wur­de bereits gege­ben: Den Anfang mach­ten der gro­ße Bru­der eines Freun­des und das Tage­buch eines Nazis. Die­se weck­ten sein Inter­es­se, zuerst haupt­säch­lich in his­to­ri­scher Hin­sicht, und brach­ten ihn in Kon­takt mit der loka­len rech­ten Sze­ne. Da die Eltern kaum zuhau­se waren, wur­de auch die Erzie­hung haupt­säch­lich von eben die­sen Per­so­nen über­nom­men. Eine Erzie­hung gemäß rech­ter Wer­te und Ideo­lo­gie. Wie weit das ging zeigt sich an sei­ner (dama­li­gen wie heu­ti­gen) Ableh­nung der NPD, damals, weil sie ihm zu demo­kra­tisch und nicht extrem genug war, heu­te weil ... nun­ja, es ist eben die NPD.

Die Fra­ge nach dem Umgang mit­ein­an­der

Eine Fra­ge, die uns im Vor­feld die­ses Inter­views sehr inter­es­siert hat, war, wie man in der rech­ten Sze­ne mit­ein­an­der umgeht. Denn, so unse­re Erwar­tun­gen, gera­de in natio­nal­so­zia­lis­tisch ori­en­tie­ren Grup­pen soll­te der Zusam­men­halt unter­ein­an­der doch recht stark und wich­tig sein. Wir wur­den jedoch eines Bes­se­ren belehrt. Denn noch wich­ti­ger als Freund­schaft und Zusam­men­halt war das Errei­chen der poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Zie­le. Und so gab es laut Chris­toph Sor­ge dort kei­ne wirk­li­chen Freun­de, es gab nur Kame­ra­den, die ein gemein­sa­mes Ziel ver­folg­ten. Das Welt­bild bestimm­te den Umgang mit­ein­an­der, und die stän­di­ge Sor­ge, wem man was sagen kann. Wem konn­te man ver­trau­en? Wer war viel­leicht vom Ver­fas­sungs­schutz?

Den­noch wur­den enge Ver­bin­dun­gen auf­ge­baut, nicht nur inner­halb der Grup­pe, auch über ganz Deutsch­land und Euro­pa hin­weg. Nor­we­gen, Ita­li­en, Spa­ni­en, Finn­land ... über­all stand man mit gleich­ge­sinn­ten Grup­pen in engem Kon­takt, orga­ni­sier­te Jugend­fahr­ten und Dis­kus­sio­nen.

Chris­toph Sor­ge gehör­te zum „Netz­werk Mit­te“, einem mitt­ler­wei­le inak­ti­vem Netz­werk, des­sen ideo­lo­gi­sche Über­res­te jedoch immer noch im Inter­net zu bewun­dern sind. Auch wenn das, was man fin­det, die Suche wirk­lich nicht wert ist. Auf­ga­be die­ses Netz­wer­kes war, wie bei vie­len ande­ren eben­falls, auch die Rekru­tie­rung neu­er Mit­glie­der.

Die Fra­ge nach den Rei­zen

Eine zen­tra­le Rol­le spiel­te die Musik. Einer­seits war sie (und ist immer noch) ein sehr belieb­tes und auch effek­ti­ves Mit­tel um neue Mit­glie­der anzu­wer­ben, ande­rer­seits lässt sich damit auch rich­tig Geld ver­die­nen.

Jugend­li­chen wur­de gezielt ange­bo­ten, eine pro­fes­sio­nel­le Musi­ker­kar­rie­re haben zu kön­nen, wenn sie ent­spre­chen­de rech­te Lied­tex­te sin­gen wür­den. Die Ton­stu­di­os waren auch tat­säch­lich sehr gut aus­ge­stat­tet, und mit dem Ver­kauf der Ton­trä­ger konn­ten dann bei­spiels­wei­se Fahr­ten ins Aus­land oder Fackeln für den nächs­ten ... Umzug gekauft wer­den.

Aber auch ein fes­tes und recht ein­fa­ches Welt­bild, kla­re Rol­len­ver­tei­lun­gen und etwas, was in letz­ter Zeit immer wie­der als „erleb­nis­ori­en­tiert“ beschrie­ben wur­de, spiel­ten hier mit rein. Und, ganz zen­tral, auch die Beto­nung von Wer­ten wie Ehre, Stolz, Patrio­tis­mus und Fami­lie.

Dafür nahm man dann auch in Kauf, kei­nen Döner zu essen und nicht auf Dis­kos zu gehen, als Ersatz konn­te man an der Orga­ni­sa­ti­on einer Demo oder Vor­trä­gen teil­neh­men.

Die Fra­ge nach dem Füh­rer

Wie in qua­si allen rech­ten Grup­pen spiel­te auch hier das Füh­rer­prin­zip eine ent­schei­den­de Rol­le. Von einer dir über­ge­ord­ne­ten und nicht zu hin­ter­fra­gen­den Per­son wur­den Anwei­sun­gen gege­ben, die es zu befol­gen galt. Neben den oben bereits erwähn­ten Ein­schrän­kun­gen, wie etwa kei­nen Döner zu essen, gab es aber auch eine gan­ze Rei­he an wei­te­ren Pflich­ten, die man als ange­hen­der Nazi so zu beach­ten und befol­gen hat­te. Dazu gehör­te etwa auch das Ken­nen des Grund­ge­set­zes, zumin­dest der ers­ten wich­ti­gen Arti­kel. Und das, obwohl man es eigent­lich zutiefst ablehn­te. Aber, und das war für uns beson­ders über­ra­schend, es ging nicht pri­mär dar­um, die­se Ableh­nung auch offen nach außen zu tra­gen. Ganz im Gegen­teil.

„Bloß nicht auf­fal­len“ lau­te­te die Devi­se, um sich sei­ne Chan­cen auf gesell­schaft­li­chen Auf­stieg nicht zu ver­bau­en. Und der ist wich­tig, um viel­leicht irgend­wann mal das Sys­tem von innen zu zer­stö­ren. Das bedeu­te­te auch, dass der Holo­caust nicht (offen) geleug­net wur­de. Den Schü­le­rin­nen und Schü­lern inner­halb der rech­ten Grup­pen wur­de bei­ge­bracht, immer das zu ant­wor­ten, was der Leh­rer von ihnen hören woll­te, und sich ihre wah­ren Ansich­ten für spä­ter auf­zu­he­ben. Denn das der Holo­caust eine rei­ne Erfin­dung der Ame­ri­ka­ner war, dar­über herrsch­te inner­halb die­ser Krei­se abso­lut kein Zwei­fel. Der Leh­rer durf­te es nur nicht erfah­ren.

Raum zum frei­en Aus­spre­chen sei­ner Gedan­ken und der Ver­stär­kung des Natio­na­lis­mus fand sich dann zwei­mal in der Woche bei Grup­pen­tref­fen. Aber auch Kampf­sport, Demos und die bereits erwähn­te Musik stan­den auf dem Pro­gramm.

Und wie in jedem Regel-ori­en­tier­ten Sys­tem gab es natür­lich auch Stra­fen für Regel­ver­stö­ße. Dis­zi­plin stand mit an obers­ter Stel­le.

Die Fra­ge nach dem Leben danach

Der Wen­de­punkt war für Chris­toph Sor­ge ein Gespräch mit dama­li­gen Kame­ra­den über einen poli­ti­schen Umsturz und die Fra­gen, wie man mit Fami­li­en­mit­glie­dern umge­hen soll, die die­sen nicht mit­tra­gen. Die, zumin­dest für die ande­ren Teil­neh­mer, nahe lie­gen­de Ant­wort: Sie erschie­ßen. Denn das Ziel ist wich­ti­ger als das Wohl des Ein­zel­nen. Und genau hier beginnt ein ideo­lo­gi­scher Kon­flikt. Der Kon­flikt eines Man­nes, der mit dem Gedan­ken auf­ge­wach­sen ist, dass die Fami­lie einen zen­tra­len Platz ein­nimmt und, anders als das nach ihrer Mei­nung bei manch ande­rem aus­sah, nicht ein­fach so erschos­sen wer­den soll­te.

Der Aus­stieg war kom­pli­ziert, auch emo­tio­nal. Denn all die Leu­te, mit denen man in den letz­ten 10 Jah­ren einen Groß­teil sei­ner Zeit ver­bracht hat, müs­sen nun hin­ter einem gelas­sen wer­den. Er habe ver­sucht, noch ein paar Ande­re davon zu über­zeu­gen, mit aus­zu­stei­gen, jedoch ohne Erfolg.

Er wur­de nicht wirk­lich bedroht, „nur“ ein paar Anru­fe am Anfang, aber kein Zusam­men­schla­gen in einer dunk­len Gas­se oder Anzün­den sei­nes Autos. Allein, mein­te er, hät­te er es wohl nicht geschafft, hat sich aber Hil­fe von einer Orga­ni­sa­ti­on geholt, die ihn bei sei­nem Aus­stieg unter­stützt hat.

Das wohl größ­te Pro­blem ist und bleibt jedoch die rechts­ex­tre­me Ideo­lo­gie, die sich immer noch ab und zu bemerk­bar macht. Man kann sich nicht ein­fach so von jetzt auf gleich umstel­len, ver­such­te er uns zu erklä­ren, das ist ein Pro­zess. Und den kann man nur erfolg­reich vor­an­brin­gen, wenn man sich immer wie­der sei­ner Ver­gan­gen­heit stellt, auch indem man offen mit ande­ren dar­über redet, wie er es bei uns gemacht hat.

Er wird wohl noch eine gan­ze Wei­le mit sei­ner Ver­gan­gen­heit zu kämp­fen haben, und doch bereut er sei­ne Ent­schei­dung nicht. Eine Ent­schei­dung, die iro­ni­scher Wei­se aus­ge­löst wur­de durch den fes­ten Glau­ben an eben jene natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wer­te, die ihn am Ende von genau die­sen weg­ge­trie­ben haben. Oder es zumin­dest began­nen. Denn auch, wenn Chris­toph Sor­ge, der nun ehren­amt­lich vor Schul­klas­sen über sei­ne Ver­gan­gen­heit spricht, ver­sucht, uns klar zu machen, wie men­schen­ver­ach­tend es in sol­chen Grup­pen zugeht, die den Holo­caust leug­nen, gibt er ganz offen zu, dass er immer noch dabei ist, sich von eben die­sem Gedan­ken­gut zu befrei­en. Und man glaubt ihm, dass er das auch möch­te.

 

Wenn ihr noch Fra­gen habt, dann schreibt sie und bit­te als Kom­men­tar unter die­sen Arti­kel, und wir wer­den nach Mög­lich­kei­ten ver­su­chen, sie zu beant­wor­ten (oder beant­wor­ten zu las­sen).

 

Wir wol­len uns an die­ser Stel­le auch noch­mal herz­lichst bei Made­lei­ne Petsch­ke und der Deut­schen Gesell­schaft e. V. bedan­ken, die uns die­ses Tref­fen erst ermög­licht haben.

Und natür­lich bei dir, Chris­ti­an, für dei­ne Offen­heit und dei­nen Mut, mit uns dar­über zu spre­chen. Dan­ke.

 

JB


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