Ethische Autos? Ja, aber...

Ich stol­per­te neu­lich über ein voll­ge­krit­zel­tes Blatt aus mei­ner Uni-Zeit, auf das ich irgend­wo „Ethi­sche Autos?” geschrie­ben hat­te. Offen­bar in einem Semi­nar, in dem es um ver­schie­de­ne Moral­vor­stel­lun­gen und deren Vor- und Nach­tei­le ging. Oder eher viel­mehr dar­um, war­um man bei so etwas grund­sätz­lich schon mal gar nicht von Vor- und Nach­tei­len reden kann, weil die­se Fra­gen nicht wahr­heits­wert­fä­hig sind bla..bla...bla

Aber abge­se­hen sol­cher zuge­ge­ben für den nor­ma­len Men­schen voll­kom­men unnö­ti­gen Spitz­fin­dig­kei­ten ließ mich die­ser Zet­tel doch wie­der ein an Pro­blem den­ken, wel­ches ich schein­bar irgend­wann schon ein mal hat­te, aber nicht zu Ende gedacht habe.

Hier kommt also Ver­such der Zweit: Ethi­sche Autos? - Ja, aber...

Es gibt in der Phi­lo­so­phie ein sehr berühm­tes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment, dass noch gar nicht so alt ist, wie man auf den ers­ten Blick ver­mu­ten mag. Hier­bei fährt ein Zug einen Berg her­un­ter, und wird, wenn er nicht gestoppt oder umge­lenkt wird, eine Grup­pe von Leu­ten (meist so um die fünf, die genaue Anzahl ist aber eigent­lich auch ziem­lich unwich­tig) töten. Nun gibt es dort aber jedoch eine Wei­che, die du umle­gen kannst. Machst du das, wird der Zug auf ein ande­res Gleis gelenkt, und töten nicht mehr die fünf Men­schen, son­dern nur noch einen ein­zel­nen. Um sich das bes­ser vor­stel­len zu kön­nen, hier mal eine Skiz­ze:

Die­ses Gedan­ken­ex­pe­ri­ment wird Trol­ley Dilem­ma genannt, und dient der grund­le­gen­den Über­le­gung dazu, ob ein Men­schen­le­ben weni­ger Wert ist als vie­le Men­schen­le­ben. (Des­we­gen ist dabei auch die genaue Anzahl der getö­te­ten Men­schen unwich­tig, solan­ge die ein Zahl grö­ßer ist als die ande­re.) Wie hät­tet ihr euch ent­schie­den? Legt ihr den Hebel um, um einen Men­schen zu töten, dafür aber fünf ande­re zu ret­ten?

Wozu das jetzt wich­tig ist?

Es gibt von die­sem grund­le­gen­den Expe­ri­ment sehr vie­le Vari­an­ten, unter ande­rem eine, in der ein selbst­fah­ren­des Auto einen Berg hin­auf fährt, auf der einen Sei­te ist Fels, auf der ande­ren geht es steil nach unten. Vor die­sem Auto befin­den sich eine enge Kur­ve und ein alter Mann, der mit sei­nem Fahr­rad den Berg hoch fährt. In der Kur­ve kommt nun von oben eine Frau mit einem Kin­der­wa­gen den Berg her­un­ter. Das Auto kann nicht mehr recht­zei­tig brem­sen, und wird auf jeden Fall einen der betei­lig­ten erwi­schen. Wie soll die­ses Auto han­deln?

Prin­zi­pi­ell gibt es nun drei ver­schie­de­ne Aus­gän­ge die­ser Über­le­gung:

  1. Das Auto über­fährt den alten Mann
  2. Das Auto über­fährt die Mut­ter mit ihrem Kind
  3. Das Auto stürzt sich selbst den Abgrund hin­un­ter und tötet sei­ne Insas­sen

Sol­che Über­le­gun­gen nennt man un der Phi­lo­so­phie nicht umsonst Dilem­ma-Situa­tio­nen, denn egal, wofür du dich ent­schei­dest, die Kon­se­quenz ist immer mehr als unan­ge­nehm. Aber eine Ent­schei­dung muss nun ein­mal her.

Intui­tiv wür­den die meis­ten von euch ver­mut­lich den Tod des alten Man­nes neh­men, und damit lägt ihr genau auf der Linie der über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit die­ser Welt­be­völ­ke­rung. Nun haben wir in Deutsch­land nur lei­der ein Pro­blem mit die­ser Ant­wort: Arti­kel 1 unse­res Grund­ge­set­zes, die Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de. Und egal, ob wir den Mann oder die Frau mit Kin­der­wa­gen wäh­len, in bei­den Fäl­len berau­ben wir die­se Men­schen des wich­tigs­ten, was sie haben: Ihres Lebens.

Es bleibt somit eigent­lich nur noch eine Ant­wort­mög­lich­keit: Ein Auto, was sich selbst und sei­ne Insas­sen opfert, um ande­re zu ret­ten. Aber was nun, wenn es sich bei dem Auto um einen Bus vol­ler Schul­kin­der han­delt? Darf der Feh­ler eines selbst­fah­ren­den Autos wirk­lich das leben so vie­ler unschul­di­ger Men­schen kos­ten?

Ich den­ke ihr habt erkannt, war­um die­ses Pro­blem zu einem der am meis­ten dis­ku­tier­ten der jün­ge­ren Geschich­te gehört. Aber ist die­se Fra­ge wirk­lich rele­vant für selbst­fah­ren­de Autos? Denn eine sol­che Situa­ti­on wäre genau­so auch in einem klas­si­schen, nicht selbst fah­ren­den Auto vor­stell­bar, ja da sogar noch eher als in einem auto­no­men. Und doch hat der Fakt, dass sich hier­auf kei­ne abschlie­ßen­de Lösung gefun­den hat, dem Sie­ges­zug des Autos abso­lut kei­nen Abbruch getan. Es ist also viel­leicht an der Zet, sich weni­ger über solch extre­me Bei­spie­le den Kopf zu zer­bre­chen, wel­che dazu gedacht sind, die Gren­zen mensch­li­cher Ethik aus­zu­lo­ten, und sich mehr um die all­täg­li­chen Bege­ben­hei­ten zu küm­mern. Möch­te ich, dass mein Auto einen Roll­stuhl­fah­rer die Stra­ße über­que­ren lässt, oder ist pünkt­lich anzu­kom­men für mich wich­ti­ger? Soll sich mein Auto immer den am nächs­ten gele­ge­nen Park­platz suchen, oder die­sen für Autos und deren Pas­sa­gie­re frei­hal­ten, die weni­ger gut zu Fuß sind? Oder, noch viel pro­fa­ner: Möch­te ich mög­lichst schnell an mei­nem Ziel ankom­men, oder aber mög­lichst umwelt­be­wusst fah­ren?

Vie­le die­ser und ähn­li­cher Fra­gen las­sen sich jedoch in der Regel nicht all­ge­mein­gül­tig beant­wor­ten, son­dern sind mit­un­ter auch von Tag zu Tag, ja sogar von Minu­te zu Minu­te ver­schie­den, je nach­dem, in wel­cher Situa­ti­on ich mich gera­de befin­de. Prak­tisch wäre es hier­bei also, die Mög­lich­keit zu haben das ethi­sche Pro­fil mei­nes Autos ver­än­dern zu kön­nen. Oder anders Aus­ge­drückt: Ist mein Auto heu­te ein Ego­ist oder ein Team­play­er?

Rein tech­nisch stellt dies kei­ne gro­ße Hür­de da, und die grund­le­gen­de Idee ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch nicht son­der­lich neu. Span­nend wird es nun jedoch, wenn man sich vor­stellt, dass eben jene Ver­än­de­run­gen des Ver­hal­tens­mus­ters auch für die Ent­schei­dung des modi­fi­zier­ten Trol­ley Dilem­mas genutzt wer­den kön­nen. Ich kann (oder muss sogar) wäh­len, in wel­chem „Modus” sich mein Auto befin­den soll. Ist mein Auto selbst­los und stürzt sich den Abgrund her­un­ter? Oder ist es der Mei­nung, dass man in solch einer Situa­ti­on den Scha­den mini­mie­ren kann, indem man den alten Mann über­fährt? Ein prak­ti­scher Neben­ef­fekt davor wäre, dass man auch der juris­ti­schen Lösung der Fra­ge, wer bei solch einem Unfall die Ver­ant­wor­tung trägt, der Pro­gram­mie­rer der Soft­ware, der Auto­her­stel­ler oder aber der Fah­rer, ein Stück näher gekom­men ist, denn jetzt war es ja die bewuss­te Ent­schei­dung des Fah­rers, den Tod einer ande­ren Per­son in Kauf zu neh­men, oder eben nicht.

Im Gegen­zug müss­ten aber auch sämt­li­che Mit­fah­rer dar­über infor­miert sein , in wel­chem „Modus” sich das Auto befin­det, ob es im Zwei­fel also ver­sucht, sei­ne Pas­sa­gie­re um jeden Preis zu ret­ten, oder die­se lie­ber tötet, wenn dies das „klei­ne­re Übel” ist.

Aber bei all die­sen Betrach­tun­gen darf eins nicht aus den Augen ver­lo­ren wer­den: Das uns vom Gesetz her garan­tier­te Recht auf Leben und die Unver­letz­lich­keit unse­rer Wür­de.

 

Mord ist in Deutsch­land straf­bar, Sui­zid ist es nicht.

 

 

 

 

PS: Ich weiß, dass die­ser Text ver­mut­lich zu einem der tro­ckens­ten und abs­trak­tes­ten gehört, den ihr bis­her auf die­sem Blog gele­sen habt (und hof­fent­lich auch hier je lesen wer­det), aber ich fand es wich­tig, euch ein­fach mal einen Gedan­ken­an­stoß mit auf den Weg zu geben, zur Not auch mit solch einer pro­vo­kan­ten The­se wie der am Ende mei­nes Tex­tes.

 

 

 

Titelild: toonpool.com

Trol­ley Dilem­ma: Wiki­pe­dia

JB


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