„Was ist das schlimmste, was du je als Nazi gemacht hast?“ - „Offenes Haus NRW“ im Gespräch mit Maik Scheffler

Heu­te ist der „Inter­na­tio­na­le Tag gegen Ras­sis­mus”: Seit 1966 wird am 21. März an das Mas­sa­ker von Shar­pe­vil­le in Süd­afri­ka gedacht: Im März 1960 demons­trier­ten dort meh­re­re Tau­send Men­schen gegen die Pass­ge­set­ze des Apart­heid-Regimes. Die gewalt­freie und fried­li­che Pro­test­ak­ti­on wur­de blu­tig nie­der­ge­schla­gen. 69 Men­schen star­ben. Fast 60 Jah­re spä­ter gibt es zwar Fort­schrit­te im Kampf gegen Ras­sis­mus, den­noch besteht er auf allen Ebe­nen unse­rer Gesell­schaft fort.

Anläss­lich des Welt­ta­ges gegen Ras­sis­mus könnt ihr heu­te bei „Ber­tas Blog” ein Inter­view mit dem ehe­ma­li­gen NPD-Mit­glied Maik Scheff­ler lesen, das er unse­ren Freun­den von der Schü­ler­zei­tung „Offe­nes Haus NRW” gege­ben hat. Er arbei­tet heu­te als Refe­rent für „EXIT-Deutsch­land”, einem Aus­stei­ger­pro­gramm für Per­so­nen aus der rechts­ex­tre­men Sze­ne. Ihnen erzähl­te er von sei­ner Ver­gan­gen­heit als Rechts­ex­tre­mist und den beson­de­ren Bedin­gun­gen in sei­ner Hei­mat, die zu extre­mis­ti­schen Ten­den­zen geführt haben.

Offe­nes Haus NRW: Haben Sie noch Inter­es­se an Poli­tik? Bei der AfD mein­ten Sie im Vor­ge­spräch, da wür­de es nicht gehen. Wol­len Sie sich bei der CDU, SPD oder ande­ren Par­tei­en bewer­ben?

Maik Scheff­ler: (lacht) Ich glau­be mei­ne Bewer­bungs­chan­cen wären recht schlecht. Außer gera­de bei der CDU in Sach­sen, die haben gera­de so einen Rechts­ruck. Also ich habe noch immer gro­ßes Inter­es­se an Poli­tik. Ich ver­fol­ge sie und las­se auch oft mei­ne Mei­nung da. Sehr sel­ten nur noch, weil ich ja frü­her immer sehr prä­sent in sozia­len Netz­wer­ken war. Ich habe in Sach­sen laut einer Sta­tis­tik als Poli­ti­ker die meis­ten Ver­an­stal­tun­gen gege­ben und die zweit­meis­ten Reden gehal­ten.

Ich woll­te erst­mal nichts mehr davon hören. Aber man kriegt das ja nie los, sieht kla­rer, weil man sich damit beschäf­tigt. Ich sehe die AfD mit einem kla­ren Bild. Die AfD besteht nicht nur aus Rechts­ex­tre­mis­ten. Die AfD hat einen rie­si­gen Flü­gel davon, es sind sehr vie­le Rechts­ex­tre­mis­ten da drin und es sind vie­le Nazis. Aber auf der ande­ren Sei­te gibt es sehr vie­le Men­schen, die man frü­her rechts zur CDU gese­hen hät­te. Aber die­se Flü­gel wis­sen selbst, dass sie eigent­lich nicht zusam­men­pas­sen. Aus wahl­stra­te­gi­schen Grün­den wer­den sie krampf­haft zusam­men­ge­hal­ten. Sowas wird für mich nie­mals eine Opti­on sein. Die SPD auch nicht, aber aus pro­gram­ma­ti­scher Sicht nicht.

Ich hab’ mir mal über­legt bei den Frei­en Wäh­lern nur noch auf kom­mu­na­ler Ebe­ne tätig zu sein. Weil ich noch im Stadt­rat und im Kreis­rat bin. Natür­lich ohne NPD-Man­dat. Ich bin jetzt ein­fach par­tei­los. Und ich denk’ mal, wenn man etwas ver­än­dern kann, dann nur auf kleins­ter Ebe­ne. Von der CDU sind schon wel­che auf mich zuge­kom­men, die mit mir reden woll­ten. Es kann auch pas­sie­ren, dass ich am Ende sage: „Ich bin eigent­lich zufrie­den mit dem was ich mache. Las­sen wir das mal mit der Poli­tik.“. Ich weiß es also noch nicht.

Offe­nes Haus NRW: Wel­che waren die dama­li­gen Grün­de, die Sie dazu getrie­ben haben die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie zu unter­stüt­zen?

Maik Scheff­ler: Der Ein­stieg, ja?

Offe­nes Haus NRW: Genau.

Maik Scheff­ler: Ich habe mir erst danach Gedan­ken gemacht, also wäh­rend der gan­zen Prä­ven­ti­ons­ar­beit: Wie ist das über­haupt gekom­men? Man kennt das klas­si­sche Bild, das hal­te ich nicht nur für falsch, son­dern auch für sehr gefähr­lich. Man sagt - beson­ders in den Medi­en - die Rech­ten kämen eh alle aus einer bil­dungs­fer­nen Schicht. Sie sind am sozia­len Rand oder haben fami­liä­re Pro­ble­me. Aggres­sio­nen oder Tren­nun­gen hät­ten eine Rol­le gespielt. Es müs­sen also irgend­wel­che vor­he­ri­gen Pro­ble­me im Umfeld gewe­sen sein. Ansons­ten pas­siert sowas gar nicht. Das ist natür­lich völ­li­ger Unfug.

Also ich hab’ eine Aus­bil­dung, sodass ich heu­te noch als Lehr­kraft arbei­ten kann, die hab’ ich nicht erst nach mei­nem Aus­stieg erwor­ben. Es kann erst­mal jeden tref­fen. Ich tei­le das immer in drei Grup­pen ein: Es gibt ein­mal das Umfeld. Wenn das Umfeld rechts, links oder viel­leicht auch isla­mis­tisch geprägt ist, dann geht ein Ein­stieg schnel­ler. Auf der ande­ren Sei­te hat man vie­le Men­schen, die nach Ersatz suchen: Ersatz­fa­mi­lie, Ersatz­freun­de, Ersatzan­er­ken­nung, die sie drau­ßen nicht haben. Und drit­tens haben wir dann Rekru­tie­rung. Direk­t­re­kru­tie­rung, wenn bei Men­schen emo­tio­na­le Knöp­fe gedrückt wer­den. Dann ist man auf ein­mal der Mei­nung: „Ich muss jetzt etwas tun.“. Bei mir ist es damals so gewe­sen, dass das Umfeld eine gro­ße Rol­le gespielt hat.

Ich habe immer ver­sucht zu ver­heim­li­chen, dass ich eigent­lich links gewor­den wäre. Ich war so ein typi­sches Wen­de­kind. Zur Wen­de hin war ich sech­zehn Jah­re alt. Damals in mei­ner Erzie­hung habe ich einen kla­ren Klas­sen­feind gehabt: Das war der Wes­ten. Wir hat­ten auch kei­ne Aus­län­der, wir haben bloß ein paar Viet­na­me­sen und Mosam­bi­ka­ner gehabt. Und die kann­ten wir damals dann schon nur aus iso­lier­ten, exter­nen Unter­künf­ten. Die sind also nie bei uns inte­griert gewe­sen. Wir waren schon Lager, Asyl­be­wer­ber­hei­me, gewohnt und hat­ten ein kla­res Bild dazu. Und dann war auf ein­mal die BRD da, die ja eigent­lich unser Klas­sen­feind war. Der Kapi­ta­lis­mus, den wir eigent­lich ableh­nen soll­ten. Das habe ich in der Schu­le so gelernt. Jetzt auf ein­mal war sie da und das soll­te in Ord­nung sein.

Für die Jugend wur­de nichts mehr gemacht. Ab da gab es damals dann die ers­ten auto­no­men Kräf­te. Die waren weder links noch rechts. Das gab es bei uns gar nicht, also das haben wir nicht wahr­ge­nom­men. Da haben wir als ers­tes ein Haus besetzt, um einen Jugend­club zu bekom­men. Mei­ne ers­te Akti­on, die ich je als Radi­ka­ler gemacht hat­te, war, mich auf ein Haus zu stel­len und zu sagen: „Das gehört jetzt uns!“ Das hat auch geklappt. Dann haben wir den eige­nen, gro­ßen Jugend­club bekom­men. Da waren wir so fünf­zig, sech­zig Leu­te. Links­ex­tre­mis­ten aus Leip­zig, orga­ni­sier­te Links­ex­tre­mis­ten, kamen an und haben rekru­tiert. Haben dann gesagt wie sie sich das vor­stel­len wür­den und mit wem man nichts mehr zu tun haben dür­fe. Das waren auf ein­mal mei­ne Freun­de, mei­ne Kum­pels, die ich frü­her so kann­te. In bestimm­te Gast­stät­ten durf­te ich nicht mehr gehen. Das waren auf ein­mal alles „Naziknei­pen“ oder „Fascho­knei­pen“. Das woll­te ich mir nicht auf­dik­tie­ren las­sen.

Dann bin ich auf die umlie­gen­den Dör­fer aus­ge­wi­chen, dort hat­ten wir noch ein paar Jugend­clubs gehabt und die waren alle ein­fach gestrickt. Da war das alles eher so rechts, aber noch nicht natio­nal­so­zia­lis­tisch. Das war eine iso­lier­te Gemein­schaft, aber mit kla­rem Wer­te­bild aus älte­ren Zei­ten. Aber so rich­tig Ahnung, was Natio­nal­so­zia­lis­mus ist, hat­te da noch kei­ner. Ich bin dort hin, weil ich da mei­ne meis­ten Kum­pels hat­te, die mir nicht vor­ge­schrie­ben hat­ten, mit wem ich jetzt was mache und mit wem nicht.

Dort kam es erst spä­ter zur Rekru­tie­rung. Viel­leicht so ein Jahr spä­ter und ganz lei­se daher und zwar in Form von dem dama­li­gen NPD-Chef vor Ort. Der kam immer mal und hat ein paar Bier aus­ge­ge­ben. Dann fing er an, auch mal eine Rede und mal einen Vor­trag zu hal­ten. Hat was sprin­gen las­sen für die Weih­nachts­fei­er und sowas. So hat man sich das alles ange­hört und so bin ich auf die gan­zen The­men gekom­men. Die fand ich natür­lich inter­es­sant, weil sie auch inter­es­sant erzählt wur­den. Dann ist man da irgend­wann rein­ge­wach­sen. Ja, ich bin dann ein­fach rein­ge­wach­sen und hat­te die­se Ideo­lo­gie für mich auf­ge­nom­men, wie ich das von der Schu­le auch gewohnt war. Irgend­wann habe ich für mich beschlos­sen, ich war damals 19: Das ist mein Weg.

Dann habe ich rela­tiv schnell Füh­rungs­po­si­tio­nen bekom­men. Die waren damals sehr schnell und leicht zu ver­ge­ben, man muss­te nicht viel dafür leis­ten. So hat­te ich mich dann ganz schnell ver­netzt. Dann war das ein Kreis­lauf.

Offe­nes Haus NRW: Noch eine Fra­ge dazu: Sie haben am Anfang über emo­tio­na­le Knöp­fe gespro­chen, was genau mei­nen Sie damit?

Maik Scheff­ler: Ich hab mal gesagt, dass ein Rekru­tie­rer - also jemand der Leu­te für sich gewin­nen will – auch die emo­tio­na­le Ebe­ne errei­chen kön­nen muss. Wenn man das Ein­stiegs­al­ter zwi­schen 14 und 18 Jah­ren sieht, sind emo­tio­na­le Knöp­fe, die ich drü­cken kann: mei­ne Zukunft, mei­ne Arbeit, mei­ne Fami­lie, Gefahr, mei­ne Frei­heit sowie mei­ne Zukunft. Wenn ich jetzt irgend­wo eine schö­ne Arbeit haben will, wird das einem natür­lich gekonnt madig gemacht, indem man gesagt hat: „Pass auf! Schön, dass du Abitur machst und dass du stu­dierst, aber meinst du denn, du kriegst irgend­wann auch den Job, den du haben möch­test? Dafür wer­den ja bloß noch Bil­lig­kräf­te genom­men, die dann meis­tens noch aus dem Aus­land sind.“. Wir sind in Sach­sen sehr von die­ser Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit betrof­fen gewe­sen, sodass gera­de alle die aus dem ost­eu­ro­päi­schen Raum kamen, Tsche­chi­en, Polen, Rumä­ni­en und sowas, die Arbei­ten bei uns – gera­de die auf dem Bau - bil­lig gemacht haben. Das heißt, wir hat­ten dann auch einen Bezug dazu. Da haben wir ganz schnell das Feind­bild auf­ge­nom­men: Der Staat küm­mert sich nicht mehr um uns und Frem­de wer­den uns die Arbeit weg­ge­neh­men. Das ganz klas­si­sche Bild.

Auf der ande­ren Sei­te natür­lich der Punkt Fami­lie. Dann kommt man mit Sta­tis­ti­ken und sagt: „In Deutsch­land kannst du dir eine Fami­lie mit nur ein ein­ein­halb Kin­dern leis­ten“, so wird dann gerech­net. „Für mehr ist kein Geld da, es fehlt eben, weil wir es ja wie­der für ande­re aus­ge­ben müs­sen.“ Der Aus­län­der muss ja immer hin­hal­ten. Was ich danach auch erst rich­tig begrif­fen habe, das wir einen Aus­län­der­an­teil von 0,8 % gehabt haben, also eigent­lich gar kei­ne. Trotz­dem konn­te man damit wun­der­bar Stim­mung machen. Was man heu­te auch hat, wenn man sagt: „Alles was gera­de aus dem ara­bi­schen Raum kommt und dem isla­mi­schen Glau­ben ange­hört, ist eine Gefahr für uns.“ Die Geschich­ten wer­den einem von vor­ne­her­ein, wirk­lich glaub­haft, inter­es­sant, span­nend und apo­ka­lyp­tisch nahe­ge­legt. Man macht sich nicht mehr die Mühe und liest quer, holt sich ande­re Mei­nun­gen ein. Denn irgend­wann ist man da drin.

Ein Rekru­tie­rer sorgt immer dafür, dass man in einem iso­lier­ten Raum ist. In einer Bla­se, wo von außen kei­ne Mei­nung mehr zuge­las­sen wird. Man ent­wi­ckelt mit die­sen gan­zen Geschich­ten eine Abnei­gung gegen jeden, der etwas ande­res erzählt und man sorgt dafür, dass man sich nur noch inner­halb die­ser Grup­pie­run­gen auf­hält. Das heißt, über­all wo ich war, da waren nur Men­schen, die das glei­che gedacht haben wie ich. Da kam nie einer an, der das hin­ter­fragt und sagt: „Das glaub ich jetzt nicht, was der da vor­ne erzählt“. Dann ist man zusam­men­ge­schweißt, eine Gemein­schaft. Und alles was von außen kam, was uns bekämpft hat, was uns abge­lehnt hat, das hat uns noch enger zusam­men­ge­schweißt. Weil uns das bestä­tigt hat, dass die Welt da drau­ßen schlecht ist und dass wir der letz­ten Weis­heits Löf­fel sind.

Offe­nes Haus NRW: Wie sehen Sie die aktu­el­le Poli­tik? Was Trump über Jeru­sa­lem gesagt hat, dass er Jeru­sa­lem als jüdi­sche Haupt­stadt will. In Deutsch­land und auch in Öster­reich war die Reak­ti­on groß. In Öster­reich wur­de eine Syn­ago­ge ange­zün­det und in Deutsch­land wur­den Juden belei­digt. Die Idee von Trump - was hal­ten Sie davon?

Maik Scheff­ler: Also ich fin­de das sehr gefähr­lich, aber auch dass es ein haus­ge­mach­tes Pro­blem ist. Das Pro­blem ist ja, dass es weni­ger die Deut­schen sind, die jetzt Israel­fah­nen ver­bren­nen. Man hat eben nicht wirk­lich dar­auf geach­tet, wo der Anti­se­mi­tis­mus her­kommt. Man hat sich immer nur auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus beru­fen und das beob­ach­tet. Ich fin­de es sehr gefähr­lich, wenn man Men­schen nach Deutsch­land holt, in einen völ­lig kul­tur­frem­den Raum.

Die Kul­tu­ren sind ja völ­lig unter­schied­lich. Deutsch­land hat auf Grund sei­ner Ver­gan­gen­heit eine Pflicht und die­se Inte­gra­ti­on und Nächs­ten­lie­be, die fin­de ich sehr wich­tig. Man kann dann aber nicht auf einem Auge blind sein. Ich muss natür­lich dar­auf ach­ten, wel­che Pro­ble­me haben die­se Men­schen in ihren Län­dern mit den befreun­de­ten Staa­ten wie Isra­el, wel­che Pro­ble­me herr­schen da vor. Das hole ich mir ja alles mit, muss dann aber auch dahin­ge­hend die Migra­ti­ons­ar­beit aus­wei­ten. Also ich kann nicht nur dafür sor­gen, dass sie Deutsch kön­nen, dass sie unse­re Kul­tur ken­nen und dass sich alle mit­ein­an­der ver­tra­gen. Son­dern muss hier auch ganz klar, wir haben frü­her dazu Gesell­schafts­kun­de gesagt, leis­ten. Da ist viel zu wenig gemacht wor­den. Und ich sehe das als ganz gro­ße Gefahr an.

Ich fin­de es nicht schlimm, was Trump sagt. Das sagt ja nicht nur die Per­son, das hat Trump nicht erfun­den, das wis­sen wir. Die USA sagt: „Wir erken­nen Jeru­sa­lem als Haupt­stadt an”. Das ist eine Sache, in die wir uns viel­leicht gar nicht ein­zu­mi­schen haben. Auf der ande­ren Sei­te weiß man natür­lich ganz genau, dass man mit einer sol­chen Aus­sa­ge im glei­chen Atem­zug dafür sorgt, dass ande­re Men­schen am glei­chen Tag noch ster­ben, weil sich da natür­lich Kon­flik­te erhe­ben. Also ich den­ke jedes Land und jedes Volk soll selbst ent­schei­den, was für eine Haupt­stadt es hat, wie es ger­ne leben möch­te. Die­se Ein­mi­schung von außen - gera­de von west­li­chen Mäch­ten - habe ich damals schon als sehr kri­tisch emp­fun­den und das emp­fin­de ich heu­te noch als sehr kri­tisch. Denn ich den­ke, wenn es das nicht geben wür­de, hät­ten wir auch nicht so vie­le Wel­ten­brän­de, wie man heu­te so sagt. Das ist also so bei mir geblie­ben, was ich jetzt aller­dings nicht als schlimm emp­fin­de. Man soll­te schon eine kla­re Mei­nung zur Außen­po­li­tik haben.

(Es bleibt für eini­ge Zeit still.)

Traut euch, ihr könnt auch kri­ti­sche Fra­gen stel­len.

Offe­nes Haus NRW: Man weiß nicht, ob man eine Gren­ze über­schrei­tet.

Maik Scheff­ler: Nein, ich war jetzt in über 50 Klas­sen und war am Anfang sehr skep­tisch: Was kommt da auf mich zu? Kön­nen die über­haupt schon rich­tig mit dem The­ma umge­hen? Also das ist mei­ne The­ra­pie gewe­sen. Die haben Fra­gen gestellt mit denen ich nie gerech­net hät­te und die auch sehr hel­le sind. Da habe ich ange­fan­gen mich mit vie­len Sachen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die vor­her noch gar nicht in mei­nem Kopf drin waren. Also man kann kei­ne Gren­ze über­schrei­ten, weil ich mich mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen muss. Wenn man nicht über alles redet, kann man auch nichts ver­än­dern. Es gibt vie­le, die Sachen ver­schwei­gen und nur so ein biss­chen an der Ober­flä­che so krat­zen wol­len.

Offe­nes Haus NRW: Also in unse­rem Poli­tik­buch wur­de die NPD vor­ge­stellt und gesagt, dass so eine Par­tei eigent­lich ver­bo­ten wer­den soll­te. Wie fin­den Sie das?

Maik Scheff­ler: Gene­rell soll­ten alle extre­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, auch wenn sie einen Par­tei­na­men haben, ver­bo­ten wer­den. Das ist ein Wunsch­ge­dan­ke. Wir leben ja trotz­dem in der frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung. Die extre­mis­ti­schen Sei­ten davon, die soll­te man bekämp­fen und zwar alle gleich. Die NPD war so unbe­deu­tend als Par­tei, aber bedeu­tend als legi­ti­mes Dach für extre­mis­ti­sche Grup­pen. Vie­le extre­mis­ti­sche Grup­pen, die mit Demo­kra­tie nichts anfan­gen konn­ten, waren Mit­glie­der der NPD oder der Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen. Die Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on - gera­de in Sach­sen - war also klar natio­nal­so­zia­lis­tisch. Die hat­ten Angst ver­bo­ten zu wer­den. Als NPD ging das nicht und des­we­gen sind die dar­un­ter gerutscht. Also da hät­te der Staat, der Ver­fas­sungs­schutz, bes­se­re Arbeit ablie­fern müs­sen.

Jetzt ist die NPD eigent­lich auch wie ver­bo­ten. Die ist ja nicht ver­bo­ten, aber eben kaputt. Die sind alle raus aus der NPD. Jetzt gibt es kei­ne Kon­trol­le mehr. Kei­ner weiß so rich­tig, was jetzt eigent­lich die­se Grup­pie­run­gen machen. Ich habe gera­de eine Ana­ly­se über die Zustän­de in Sach­sen gemacht. Davon steht nichts im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt, die sind noch gar nicht soweit. Ich den­ke, ver­bie­ten soll­te man die NPD nicht, weil man sie so kon­trol­lie­ren kann. Die NPD selbst hat immer die gro­ße Sor­ge, zu viel Gewalt und Radi­ka­li­tät nach außen hin aus­zu­strah­len. Des­we­gen hat die NPD selbst die­se Kon­troll­funk­ti­on über­nom­men. Da gab es auch weni­ger Aus­schrei­tung, weni­ger Kri­mi­na­li­tät, weil die natür­lich Angst gehabt haben, weni­ger gewählt zu wer­den. Das hat man heu­te alles nicht mehr.

Aber es bringt nicht nur etwas, Rechts­ex­tre­me zu ver­bie­ten. Wir haben vie­le Extre­me, die mit­ein­an­der alle irgend­wie koexis­tie­ren und von­ein­an­der abhän­gig sind. Wir haben ein rie­sen Pro­blem mit Links­ex­tre­mis­mus. Die­se Öffent­lich­keits­fahn­dung wegen des G20-Gip­fels. Da sieht man eigent­lich, wie hilf­los unser Staat ist, wenn Tau­sen­de von ver­mumm­ten Men­schen mit Stei­nen auf Poli­zis­ten wer­fen, Autos von wild­frem­den Men­schen anzün­den, Geschäf­te plün­dern. Das hat alles nichts mit einer Pro­test­be­we­gung zu tun. Und ich ken­ne die Lin­ke noch von vor zwan­zig Jah­ren, das war eine Pro­test­be­we­gung. Mit der hät­te ich mich heu­te in vie­len, nicht in allen, Sachen eher iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Als es wirk­lich um sozia­le Sachen, um mensch­li­che Sachen ging. Um Umwelt, um Frie­den, um Gerech­tig­keit. Es gab da immer extre­me Sachen, aber die waren auch am Rand. Heu­te ist das alles ein Aben­teu­er­spiel­platz für Men­schen, die sagen, es sei in Deutsch­land ein­fach Cha­os zu ver­ur­sa­chen. Ich den­ke unter den 50.000 Gegen­de­mons­tran­ten zum G20-Gip­fel waren 45.000 Event­tou­ris­ten. Men­schen und Kri­mi­nel­le, die ein­fach mal alles kaputt machen woll­ten, sich mal mit dem Staat anle­gen woll­ten.

Das ist eine Sache, die hat sich der Staat auch haus­ge­macht. Man sieht jetzt, wo sie die Bil­der ver­öf­fent­li­chen, dass alle mög­li­chen Per­so­nen dort gewe­sen sind. Haupt­sa­che man kann sich mal aus­las­sen und das fin­de ich eben wirk­lich sehr gefähr­lich. Sowas pro­vo­ziert wie­der die Gegen­sei­te: Es gibt vie­le Rechts­ex­tre­mis­ten und wel­che, die gera­de viel­leicht in die­sem Zwei­fel­pro­zess drin sind, ob sie sich einer rechts­ex­tre­men Grup­pe anschlie­ßen oder nicht. Die bekom­men sowas mit, sehen sowas. Das ist auch bei uns in Leip­zig zum Bei­spiel so gewe­sen. Wir haben also ganz, ganz hef­ti­gen Links­ex­tre­mis­mus. Ich glau­be mitt­ler­wei­le sogar denn schlimms­ten. Die sind ja über­all dabei. Im euro­päi­schen Aus­land sind die mit ihren Grup­pie­run­gen dabei. Die sind an der Orga­ni­sa­ti­on die­ser Cha­os­ta­ge immer mit­be­tei­ligt.

Das sehen natür­lich ande­re Extre­mis­ten, die dann sagen: „Jetzt müs­sen wir uns auch zusam­men­tun. Das wol­len wir nicht!“. Und jetzt haben wir Zustim­mung für Jeru­sa­lem, das bringt natür­lich Anti­se­mi­ten auf den Plan. Das ist immer so ein Ding, sobald ein Extre­mis­mus stark wird, gibt es Gegen­ex­tre­mis­mus, der sich dar­an natür­lich auch saugt. Und das fin­de ich sehr gefähr­lich.

Offe­nes Haus NRW: Noch eine Fra­ge zu etwas ande­rem: Wenn es zum Bei­spiel ein The­ma gibt über das die Mehr­heit redet, bespricht man dann als Par­tei gemein­sam, ob man sich jetzt dort ein­mischt oder macht das jeder ein­zel­ne für sich? Zum Bei­spiel mit dem The­ma um Trump: Bespricht man da zusam­men, ob man sich jetzt dazu ein­mischt und irgend­et­was dazu bei­trägt?

Maik Scheff­ler: Das ist eine sehr wich­ti­ge Fra­ge, weil man ja immer sagt, eine rechts­ex­tre­me Par­tei sei eine Welt­an­schau­ungs­par­tei. Eine ideo­lo­gi­sche, die nichts macht, was gleich­ge­schal­tet ist. Aber genau so ist das. Man setzt sich tat­säch­lich an den Tisch und sagt: „Das The­ma haben wir jetzt. Wie gehen wir damit um?“. Nach der Welt­an­schau­ung, die man hat oder nach der Ideo­lo­gie wür­de man sagen: „Hier müs­sen wir uns ein­mi­schen.“ oder „Hier müs­sen wir die Fin­ger von las­sen, weil wir auch dage­gen sind.“. Das wird nicht getan.

Es wird nur noch geschaut: Nützt uns das etwas oder nicht? Wir hat­ten auf Bun­des­ebe­ne im vor­letz­ten Bun­des­tags­wahl­kampf, wo ich noch dabei war, Mar­ke­ting- und Wer­be­pro­fes­sio­nel­le aus der Wirt­schaft ein­ge­la­den. Die also nicht in der NPD waren. Die sind für viel Geld gekom­men und haben die Par­tei­en bera­ten. Die gan­zen Pla­ka­te, die Sprü­che, das war alles stra­te­gisch vor­be­rei­tet von Men­schen, die ansons­ten in der Wer­be­in­dus­trie für VW oder für ande­re Fir­men arbei­ten. Und dafür haben die Tau­sen­de von Euros bekom­men. Das ist nicht anders als bei den ande­ren Par­tei­en auch. Die gucken eben: Wie sieht jetzt die momen­ta­ne Lage aus?

Die NPD wür­de jetzt nie­mals etwas gegen Jeru­sa­lem sagen und die wür­de auch nichts gegen die sagen, die jetzt Anti­se­mi­tis­mus ver­brei­ten, weil sie ja immer damit in Ver­bin­dung gebracht wird. Immer tun­lichst ver­mei­den mit Natio­nal­so­zia­lis­mus in Ver­bin­dung gebracht zu wer­den. Auch wenn sie das eigent­lich von der Welt­an­schau­ung her müss­te. Wenn man in das Pro­gramm rein­schaut, dann steht da eine gan­ze kla­re Hal­tung gegen Isra­el und zur Nah­ost­po­li­tik drin. Das wird aber immer aus­ge­klam­mert, wenn es gera­de nicht passt.

Offe­nes Haus NRW: Was ist denn die Mei­nung zu Isra­el und die Welt­an­schau­ung? Wir haben uns das Pro­gramm nicht durch­ge­le­sen.

Maik Scheff­ler: Das Pro­blem ist ein biss­chen umschrie­ben. Man muss natür­lich die Mei­nung ken­nen, um zu wis­sen, was gesagt wird. Also Isra­el wird das Exis­tenz­recht aberkannt. Isra­el wird nicht als Staat aner­kannt. Nor­ma­ler­wei­se steckt dahin­ter, dass man ja den Juden gene­rell ablehnt. Das kann man aber so nicht sagen, des­we­gen wird das umschrie­ben. Die NPD und alle ande­ren rech­ten Par­tei­en sagen, sie erken­nen den Staat Isra­el nicht an, weil er von den West­al­li­ier­ten gegrün­det oder geschenkt wur­de. Eigent­lich steht die­ses Gebiet den Paläs­ti­nen­sern zu. Somit haben wir einen Land­raub. Also sind wir gegen die, weil wir für Paläs­ti­na sind.

Es wird eine Soli­da­ri­tät mit Paläs­ti­na her­ge­stellt. Und das ist das per­fi­de, das ich auch damals bei dem Wahl­kampf zum The­ma Flucht bemän­gelt habe. Ich sag­te, bei den Flücht­lin­gen sei ein Hau­fen Paläs­ti­nen­ser dabei. Ganz vie­le, die in Syri­en gelebt haben, aber aus Paläs­ti­na kom­men. Wer­den die jetzt aus­ge­klam­mert? Eigent­lich soli­da­ri­siert man sich ja mit denen. Das Exis­tenz­recht Isra­els wird ganz klar abge­lehnt. Von allen rechts­ex­tre­mis­ti­schen Par­tei­en.

Offe­nes Haus NRW: Was ist denn die hef­tigs­te Fra­ge, die Sie gestellt bekom­men haben?

Maik Scheff­ler: Die hef­tigs­te Fra­ge? Die war sehr wich­tig für mich, für mei­nen Pro­zess. Das war die Fra­ge: „Was ist das schlimms­te, was du je als Nazi gemacht hast?“.

Offe­nes Haus NRW: Das hät­ten wir uns nicht getraut.

Maik Scheff­ler: Doch, das kann man sich trau­en! Und zwar habe ich immer gesagt: Ich bin ja kein Schlä­ger gewe­sen oder nicht vor­be­straft. Ich habe noch nie ein Asyl­be­wer­ber­heim ange­zün­det oder einen Aus­län­der ver­prü­gelt. Ich habe mich damals immer damit gerecht­fer­tigt. In mei­ner akti­ven Zeit noch: „Leu­te, ich gehö­re einer lega­len, legi­ti­men Par­tei an und wir leben in einem Land, das Mei­nungs­frei­heit ganz hoch hält. Ich darf auch die­se Mei­nung haben. Dann müs­sen wir die Par­tei ver­bie­ten. Noch ist sie erlaubt, also was wollt ihr von mir?“. So ein­fach war das für mich. Nach dem Aus­stieg habe ich das auch gesagt. Als ich dann mit­be­kom­men habe, wie­viel Hass mir von links und von den ande­ren Par­tei­en ent­ge­gen­kam, habe ich mich dann gefühlt wie ein Mas­sen­mör­der. Also so wur­de ich dann behan­delt. Da habe ich dann gesagt: „Ja, mei­ne Mei­nung war schei­ße. Da war viel Hass und Het­ze drin, aber habe doch kei­ne Straf­tat began­gen.“.

Ich hat­te vie­le Gesprä­che mit einem ehe­ma­li­gen lin­ken Street­wor­ker. Der sag­te: „Gut, hal­ten wir mal fest: Du hast noch nie ein Asyl­be­wer­ber­heim abge­rannt? Glau­be ich dir. Du hast auch noch nie jeman­dem eine Eisen­stan­ge über den Schä­del gehau­en. Aber wir haben die Sta­tis­tik, die sagt, dass du die zweit­meis­ten Reden in Sach­sen gehal­ten hast. Weißt du eigent­lich, wer von dei­nen Ver­an­stal­tun­gen, durch dei­ne Wor­te so auf­ge­putscht war und ein Asyl­be­wer­ber­heim abge­brannt hat? Den Leu­ten die Eisen­stan­ge über den Schä­del gehau­en hat? Das weißt du doch gar nicht. Willst du dich jetzt aus der Ver­ant­wor­tung raus­steh­len?“. Das war etwas ganz wich­ti­ges für mich.

Es stimmt, ich habe vor so vie­len Grup­pen gespro­chen. Da waren manch­mal ganz schlim­me Grup­pie­run­gen dabei. Ich weiß zum Bei­spiel, dass ich auch vor Grup­pen gespro­chen habe, von denen spä­ter dann bestimm­te Straf­ta­ten durch die Nach­rich­ten gegan­gen sind. Und ich habe Red­ner­schu­lun­gen gemacht, wo zum Bei­spiel der Ralf Wohl­le­ben dabei gewe­sen ist. Den Namen kennt ihr viel­leicht aus dem NSU-Pro­zess, der ist dort Haupt­an­ge­klag­ter. Das heißt, einer der beim NSU mit­ge­macht hat, der hat u. a. durch mich das Spre­chen vor Leu­ten gelernt. Und da habe ich mir gedacht: Das ist das schlimms­te. Die­se Schuld, die tra­ge ich jetzt auch ein­fach. Selbst wenn ich sage: Ich bin jetzt mit mei­nem Aus­stieg fer­tig. Und bin in der Gesell­schaft inte­griert.

Ich habe Schuld, da ich nie weiß, was ich zu ver­ant­wor­ten habe. Wenn man sagen kann: Ich wur­de ver­ur­teilt und habe mei­ne Stra­fe abge­ses­sen. Dann kann man sagen, die Stra­fe ist damit ver­gol­ten. Ich kann das nicht wis­sen. Es kann durch mich per­sön­lich nichts pas­siert sein. Es kann aber auch viel pas­siert sein. Das ist eine Ver­ant­wor­tung, die neh­me ich auch an und behal­te ich auch. Die wer­de ich nie­mals able­gen. AfD-Leu­te und auch gera­de die, die so aus dem bür­ger­li­chem Spek­trum kom­men und Wut­bür­ger sind, die wis­sen gar nicht, was sie da so anrich­ten mit ihrer gan­zen Het­ze, mit die­sen gan­zen nega­ti­ven Erzäh­lun­gen. Da gibt es vie­le jun­ge, die dabei sit­zen und dann den­ken: „Ja, wenn der das sagt, hat er viel­leicht Recht.“. Und dann haben die viel­leicht einen getrun­ken und wer­den dann so fun­da­men­tal. Ist ja nichts ande­res, wie auch bei ande­ren Extre­mis­mus­for­men. Die sind dann auch irgend­wann so radi­kal im Den­ken und den­ken, die machen was Gutes. Die machen das nicht, weil sie men­schen­ver­ach­tend sind, son­dern weil sie die Not­wen­dig­keit ein­fach sehen und das ist das Schlim­me.

Offe­nes Haus NRW: Vor ein paar Mona­ten stand in der Zei­tung, dass es in Spa­ni­en ein paar Extre­mis­ten gibt, die sozu­sa­gen für Atten­ta­te bezahlt haben, um mehr Hass zu ver­brei­ten. Die haben das finan­ziert.

Maik Scheff­ler: Die Sachen extra kon­stru­ie­ren?

Offe­nes Haus NRW: Genau.

Maik Scheff­ler: Das gibt es. Ich weiß auch aus vie­len Berich­ten, dass es das natür­lich gera­de im ter­ro­ris­ti­schen Bereich gibt. Also dass Sachen auch gesche­hen müs­sen, damit die ande­ren sich bestä­tigt füh­len. Aber das machen links und rechts auch. Das gibt es gera­de beim Links­ex­tre­mis­mus. Wir machen uns auch gegen Links­ex­tre­mis­mus stark, was viel zu weni­ge machen. Die haben auch Asyl­be­wer­ber­hei­me beschmiert mit Haken­kreu­zen. Die haben sich damals auch Bom­ber­ja­cken ange­zo­gen und Sprin­ger­stie­fel und sind „Sieg Heil“ gröh­lend durch die Stadt gelau­fen. Damit sie eben dort die­ses Bild auf­recht­erhal­ten konn­ten, wo es kei­nen Rechts­ex­tre­mis­mus gab.

Anders­her­um haben natür­lich auch Nazis diver­se Aktio­nen gemacht, die sie Aus­län­dern zuge­spro­chen haben. Gera­de in so ruhi­gen Zei­ten, wenn gera­de gar nichts pas­siert, dann muss man auch so eine Gefähr­dung künst­lich am Leben erhal­ten. Und der Staat macht es übri­gens auch. Die hel­fen auch manch­mal, aber das sieht man ja an die­sen Ver­fas­sungschutz­agen­ten, gera­de im NSU-Fall, die ja selbst an vie­len Sachen mit­be­tei­ligt waren oder mit­or­ga­ni­siert haben. Ich ver­ste­he das auch nicht. Des­we­gen mei­ne ich, dass es außer im reli­giö­sen Bereich, kein Fun­da­ment für eine Ideo­lo­gie oder einer Welt­an­schau­ung gibt. Es ist am Ende immer alles kon­stru­iert.

Auch wir haben das. Ich mei­ne, dass was ich so gesagt habe, habe ich ja vor­her gelernt. Das ist mir ja nicht ein­fach so ein­ge­fal­len. Ich habe das nicht aus Büchern. Ich habe das von den Men­schen, die Vor­trä­ge bei mir gehal­ten haben. Ich habe das von Red­ner­schu­lun­gen. Ich habe das von Kader-, Funk­tio­närs­schu­lun­gen aus der NPD. Da gab es immer eine Woche Schu­lung. Da wur­de einem dann ein­ge­bläut, was man zu sagen hat­te. Du hast ja gera­de gefragt, mit wel­chen The­men wir uns aus­ein­an­der­set­zen. Zu jedem The­ma gab es fest­ge­leg­te Argu­men­ta­ti­ons­bro­schü­ren. Da haben die Funk­tio­nä­re fest­ge­legt: Was sagen wir zu dem The­ma? Wie sagen wir das?

Alles ist eigent­lich wie in einem Dreh­buch gewe­sen, das man vor­ge­setzt bekom­men hat. Aber es ist so geschickt gemacht, dass man immer dach­te, man sei selbst der Mei­nung, man habe es selbst erfun­den. Das ist Wahn­sinn. Man glaubt gar nicht, wie viel Psy­cho­lo­gie dahin­ter­steckt. Wenn Men­schen ande­re mani­pu­lie­ren, trifft das jeden. Da kann man intel­li­gent sein oder dumm sein, das ist völ­lig egal. Da ist kei­ner vor gewapp­net. Das zu sagen, ist mir immer sehr wich­tig. Denn vie­le Eltern, deren Kin­der Extre­mis­ten gewor­den sind, sind zu mir gekom­men und haben gesagt: „Das hät­te ich nie gedacht. Der hat sein Abi gemacht. Der hat doch alles gehabt. Und der ist auch kein dum­mer Mensch. War­um?“. Ich sage, weil sie immer nur den Skin­head gese­hen haben. Die ande­ren sehen immer nur den Ter­ro­ris­ten mit Bom­ben­gür­tel. Oder den Links­ex­tre­mis­ten mit Haar­kamm. Die sind aber nicht die Leu­te mit einem ganz seriö­sen Aus­se­hen, mit einem intel­li­gen­ten Back­ground und für Mani­pu­la­ti­on genau­so affin sind.

Offe­nes Haus NRW: Ist das eigent­lich immer so vor­ge­ge­ben, was man zu einem The­ma sagen soll oder ist das nicht immer so?

Maik Scheff­ler: Also es ist eigent­lich rela­tiv klar vor­ge­ge­ben. Heu­te noch mehr als damals. Die NPD ori­en­tiert sich jetzt an der AfD. Bei der AfD gibt es nichts, was nicht vor­ge­ge­ben ist. Die Leu­te, die eige­ne Sachen machen, wer­den aus­sor­tiert. Wenn man ein­mal in so einer Posi­ti­on ist, dass man Sprach­rohr für eine Par­tei oder eine extre­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ist, dann ist man gleich­ge­schal­tet. Dann ist man auf Linie. Dann kann eigent­lich auch nichts mehr schief gehen für die Grup­pie­rung, dass man da auf ein­mal was völ­lig ande­res sagt. Die meis­te Auf­merk­sam­keit, die meis­te Zeit, das meis­te Geld wird in die Schu­lung der Funk­tio­nä­re gesetzt und nur die geben vor, was drau­ßen gesagt wird oder was geschrie­ben wird. Das ist also ähn­lich wie bei den nor­ma­len, demo­kra­ti­schen Par­tei­en, die das ja auch machen.

Offe­nes Haus NRW: Sie haben gesagt, dass die NPD ganz iso­liert von der Gesell­schaft agiert und sich auch iso­liert von der Gesell­schaft befin­det. Da woll­ten wir fra­gen, ob die Inte­gra­ti­on in die Gesell­schaft rei­bungs­los ver­lau­fen ist oder ob Schwie­rig­kei­ten auf­ge­tre­ten sind, vor allem wenn man über die Ver­gan­gen­heit gespro­chen hat?

Maik Scheff­ler: Das ist sehr schwie­rig. Ich glau­be, „Exit“ hat in Deutsch­land knapp 500 Men­schen beim Aus­stieg gehol­fen. In Sach­sen waren es 90. Deutsch­land­weit sind nicht mehr als drei­zehn Men­schen Aus­stei­ger in der Öffent­lich­keit. Das zeigt eigent­lich, wie schwie­rig es ist, Men­schen raus­zu­ho­len, von die­ser Ideo­lo­gie wie­der weg­zu­ho­len und wie­der in die Gesell­schaft zu inte­grie­ren. Hät­te ich „Exit“ nicht gehabt, wo wirk­lich sehr gute sozi­al­päd­ago­gi­sche und auch psy­cho­lo­gi­sche Arbeit mit vie­len Gesprä­chen, die man führt, geleis­tet wird, wäre es viel­leicht mög­lich gewe­sen, dass ich irgend­wann zurück­ge­fal­len wäre. Es gibt vie­le, die sind zurück­ge­fal­len. Es gibt für alle Aus­stei­ger eine Will­kom­mens­kul­tur. Nicht nur in Deutsch­land. Über­all. Wenn ein Hell’s Angels Zuhäl­ter oder Mör­der irgend­wo aus­steigt, dann gibt es ein Buch davon, eine Doku und der Mensch kann wie­der arbei­ten. Es gibt auch einen Ban­di­to­chef, der hat einen Jugend­club für gewalt­af­fi­ne Jugend­li­che gelei­tet. Die hat­ten vor dem Respekt. Der ist aus­ge­stie­gen und war der bes­te Mann, den man dafür krie­gen konn­te.

Mit Rechts­ex­tre­mis­ten wird das nie­mals pas­sie­ren. Es hat bei mir lan­ge Zeit gedau­ert, dass ich in der Jugend­ar­beit tätig sein konn­te. Man sieht in der Dro­gen­prä­ven­ti­on Men­schen, die Ver­bre­chen began­gen haben, um sich ihre Dro­gen zu kau­fen. Die wer­den alle wie­der inte­griert und wie­der auf­ge­nom­men. Weil sie etwas durch­lit­ten haben, sie auf die schie­fe Bahn gera­ten sind. Aber nicht bei Rechts­ex­tre­mis­ten, da ist alles anders. Es gibt also kei­ne Will­kom­mens­kul­tur für Rechts­ex­tre­mis­ten. Und das fin­de ich gefähr­lich, weil ich weiß, dass viel mehr die­se Sze­nen ver­las­sen wür­den, wenn sie drau­ßen auf­ge­fan­gen wer­den wür­den. Denn das sage ich klar: „Wir sind kei­ne Opfer.“ Wir als Funk­tio­nä­re wol­len uns die­sen Sta­tus gar nicht andich­ten. Aber jeder, der kein Funk­tio­när son­dern Mit­läu­fer gewe­sen ist und wahr­schein­lich auch eine Straf­tat began­gen hat, ist schon Opfer von Radi­ka­li­sie­rung. Und vie­le, die eben aus dem isla­mis­ti­schen Bereich kom­men, sind ja auch Opfer derer, die sie dazu gemacht haben.

Men­schen sind ja irgend­wie alle am Anfang gleich, der eine ist ein biss­chen stär­ker, der ande­re eine biss­chen schwä­cher. Das Umfeld ist wich­tig, die momen­ta­ne Situa­ti­on beim Ein­stieg ist wich­tig. Auch wich­tig ist, wie emo­tio­nal stark oder wie emo­tio­nal geschwächt jemand ist. Dann kom­men eben Men­schen, die machen das aus einem und das muss bekämpft wer­den. Nicht die Men­schen an sich. Ich sage immer, ich mache mehr für die Gesell­schaft und mehr gegen rechts als vie­le, die immer auf­schrei­en und gegen Rech­te het­zen, aber eigent­lich nichts unter­neh­men, kei­ne Arbeit leis­ten. Des­we­gen den­ke ich, jeder soll­te als Mensch gese­hen wer­den und jedem soll­te auch die Chan­ce gege­ben wer­den.

Ich mal da mal einen Spruch von Chris­ti­an Lind­ner gehört, den er aber in Bezug auf Hartz-4-Emp­fän­ger und nicht Aus­stei­ger gesagt hat, den ich toll fand. Der lau­te­te unge­fähr so: „Kei­ne Bio­gra­fie darf zur Ein­bahn­stra­ße oder zur Sack­gas­se wer­den, wenn man sich nicht mit eiser­ner Kraft von ganz allei­ne dar­aus befrei­en kann.“ Des­we­gen soll­te man nie­man­den ewig die Ver­gan­gen­heit vor­hal­ten, wenn er auf der ande­ren Sei­te doch Gutes macht. Das fehlt. Ich bin sicher, es wäre ein schwe­rer Schlag gegen Rechts­ex­tre­mis­ten, wenn es auch Jugend­ar­beit geben wür­de, es dafür viel mehr Prä­ven­ti­on geben wür­de und die Leu­te auf­ge­fan­gen wer­den. Die wür­den in Scha­ren raus­kom­men, da bin ich der Über­zeu­gung.

Offe­nes Haus NRW: Bereu­en Sie ihre Ver­gan­gen­heit bei der NPD?

Maik Scheff­ler: Das kann man nicht so ein­fach beant­wor­ten, weil wir ja von 20 Jah­ren reden. Ich bereue nicht mei­ne kom­plet­te Zeit, die ich gelebt habe bzw. ver­lebt habe.

Ich habe ja durch­aus vie­le Freund­schaf­ten gehabt und bin ja auch der fes­ten Über­zeu­gung, dort sind nicht alle schlech­te Men­schen gewe­sen. Es gibt aber auch vie­le, die sind von Grund auf schlecht, das muss man dazu sagen, die wür­den auch nie­mals aus­stei­gen.

Mei­ne Mut­ter hat immer gesagt, sie war als ich ein Kind, ein Jugend­li­cher war, immer so wahn­sin­nig stolz auf mich. Ich war aus dem Leis­tungs­sport, habe sehr gute Noten gehabt, hat­te mein Abitur und alles. Dann kam eine Zeit, da war sie sehr lan­ge nicht mehr stolz auf mich. Sie hat mich zwar immer geliebt und hat immer zu mir gestan­den, jeden Mist mit­ge­tra­gen, aber sie war nicht stolz auf mich. Zwei Jah­re nach mei­nem Aus­stieg, nach die­sem LVZ-Arti­kel, der von mei­nem Aus­stieg berich­tet hat, kam eine Whats­App-Nach­richt und da hat sie mir ein­fach nur geschrie­ben: „Kannst du dich noch an das erin­nern, was ich ein­mal gesagt habe? Ich bin wie­der stolz auf dich.“

Das habe ich bereut, dass ich eigent­lich intel­li­gent genug gewe­sen sein müss­te, nicht auf so einen Mist rein­zu­fal­len. Dass ich aus mei­nem Leben hät­te viel mehr machen könn­te, dass ich also alles hät­te wer­den kön­nen. Das habe ich mir ver­baut. Das ist ein Kampf, den ich immer noch füh­re oder füh­ren muss­te.

Ich bin jetzt wie­der auf einem guten Level, auf dem ich mich wie­der wohl­füh­le und mich auch wie­der wert­voll füh­le. Das war aber anfangs, gera­de in den ers­ten zwei Jah­ren, nicht so. Also das bereue ich stark, dass ich mir selbst etwas ver­baut habe und wahr­schein­lich vie­len ande­ren, die ich mit rein­ge­zo­gen habe. Das ist auch, was mich antreibt, dass ich von Sach­sen aus zwei Stun­den nach Hei­li­gen­haus kom­me. Auf der ande­ren Sei­te sagt man auch, dass man viel­leicht auch gar nichts hät­te ändern kön­nen. Was wäre denn gewe­sen, wenn ich damals auf die­sen Jugend­club gehört hät­te, in dem Lin­ke waren? Dann wäre ich auf jeden Fall Links­ex­tre­mist gewor­den. Aber was ich da gemacht hät­te, wie lan­ge ich da drin gewe­sen wäre, weiß ich auch nicht. Ob das mein Leben so berei­chert hät­te? Ich per­sön­lich habe in einer extre­mis­ti­schen Wen­de­zeit gelebt. Das ent­schul­digt gar nichts, aber es ist trotz­dem ein Fakt.

 

Zusam­men mit unse­ren Freun­den, den Schü­ler­zei­tun­gen „Offe­nes Haus NRW” in Hei­li­gen­haus (Nord­rhein-West­fa­len) und „Quer­den­ker” in Mark­klee­berg (Sach­sen), betei­li­gen wir uns seit 2016 am Pro­jekt „Jugend­re­por­ter vor Ort. Gemein­sam für Demo­kra­tie und gegen Frem­den­feind­lich­keit”.


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