Alkohol versus Spielsucht - Eine Gefahrenanalyse

Jus­ti­tia, die römi­sche Göt­tin der Gerech­tig­keit, wird meist mit ver­bun­de­nen Augen dar­ge­stellt, als Zei­chen dafür, dass sie, ohne Anse­hen der betrof­fe­nen Per­son, frei und unvor­ein­ge­nom­men Han­delt.

Und so wer­de auch ich, als nicht (mehr) direkt von den Vor­gän­gen am Fors­ter Gym­na­si­um betrof­fe­ner, mich bemü­hen, eine mög­lichst nüch­tern-objek­ti­ve Ein­schät­zung eines Sach­ver­hal­tes vor­zu­neh­men, der der­zeit in der Redak­ti­on von Ber­tas Blog für eini­gen Gesprächs­stoff sorgt: Das Abi-Mot­to der jet­zi­gen 11. Klas­se. Ursprüng­lich geplant war „Abi­os Ami­gos – 12 Jah­re Fies­ta“, was jedoch als nicht ange­mes­sen und fei­er­lich genug von der Schul­lei­tung zurück­ge­wie­sen wur­de. Der nun akzep­tier­te Vor­schlag lau­tet „Abi Vegas – Ass im Ärmel, Abi in der Tasche“. Es war also die Wahl zwi­schen einem offe­nen Bekennt­nis zu Par­ty und Alko­hol­kon­sum und dem Ver­weis auf das Syn­onym für Spiel­sucht und Sit­ten­ver­fall schlecht­hin. Was in Vegas pas­siert, bleibt auch in Vegas. Ich den­ke wir wis­sen alle, dass damit nicht das Ver­hal­ten gemeint ist, wel­ches man von der außer­uni­ver­si­tä­ren Bil­dungs­eli­te Deutsch­lands ver­lan­gen kann und soll­te, immer­hin bekom­men die Schü­le­rin­nen und Schü­ler an die­sem Abend den höchs­ten Grad der All­ge­mein­bil­dung zuer­kannt, den wir in Deutsch­land zu bie­ten haben.

Betrach­ten wir die bei­den Abi-Mot­tos doch ein­mal seman­tisch. Sprich: Was bedeu­tet das eigent­lich, was da gesagt wird? Und was steht zwi­schen den Zei­len?

„Abi­os Ami­gos – 12 Jah­re Fies­ta“

Hier soll­te die Bedeu­tung recht ein­deu­tig sein: Es wur­de nicht mehr Arbeit inves­tiert, als unbe­dingt nötig, son­dern die­se wur­de lie­ber dazu genutzt, sich sei­nes Lebens zu freu­en und Fies­ta zu machen. Und das die letz­ten 12 Jah­re lang. Und doch hat man es geschafft, den Anfor­de­run­gen gerecht zu wer­den, denn sonst hie­ße es nun nicht „Ad(/b)ios Ami­gos“, zumin­dest nicht auf einem Abi­ball. Aber ist das denn ver­werf­lich? Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es sprin­gen muss, und schein­bar sind die Pfer­de alle hoch genug gesprun­gen, um letzt­end­lich unter die­sem Mot­to ihr Zeug­nis über­reicht zu bekom­men. Wäre mehr drin gewe­sen? Ver­mut­lich. Ziem­lich sicher sogar, wenn man die ein oder ande­re Par­ty weni­ger besucht, und statt­des­sen lie­ber gelernt hät­te. Aber ist es das nicht immer? Und wenn man die­se Logik kon­se­quent wei­ter­ver­folgt, hät­te man am Ende weder Pri­vat­le­ben noch Freu­de, weil alles dem Drang nach Per­fek­tio­nie­rung und idea­len Leis­tun­gen zum Opfer gefal­len ist. Und das kann schwer­lich Sinn der Sache sein. Denn ich bin mir nicht sicher, wie gern ich in so einer Gesell­schaft leben wol­len wür­de.

„Abi Vegas – Ass im Ärmel, Abi in der Tasche“

Hier gestal­tet sich die Suche nach dem Sinn schon ein wenig kom­pli­zier­ter. Denn was genau ist die­ses Ass im Ärmel? Das Abitur kann es nicht sein, das ist ja bereits in mei­ner Tasche. Abge­se­hen davon ist das Ass im Ärmel eine Opti­on, von deren Exis­tenz zuvor nie­mand etwas wuss­te, wenn wie­so sonst soll­test du es in dei­nem Ärmel ver­ste­cken? Nun ist das errei­chen der all­ge­mei­nen Hoch­schul­rei­fe in der Regel nichts, was unter völ­li­ger Geheim­hal­tung erlangt wird. Was also ist die­se sagen­um­wo­be­ne Opti­on, von der in dem Mot­to die Rede ist? Ich weiß es nicht, denn wenn ich es wüss­te, wäre es ja kein Ass mehr.

Viel span­nen­der fin­de ich es hier­bei jedoch, einen Gedan­ken dar­an zu ver­schwen­den, wo die­se Rede­wen­dung denn eigent­lich her­kommt, und wor­um es sich dabei eigent­lich han­delt. Näm­lich um Betrug. Um nicht mehr, jedoch auch nicht weni­ger als den Ver­such, sich einen unfai­ren Vor­teil zu ver­schaf­fen. Aber kann ich wirk­lich wol­len, dass ein gesam­ter Jahr­gang sich damit brüs­tet, lin­kisch und falsch zu sein?

Und dann ist da noch die Sache mit der Anspie­lung auf Las Vegas, eine Stadt, bei der schon sehr viel Argu­men­ta­ti­ons­akro­ba­tik von Nöten ist, um ihre Exis­tenz gut zu hei­ßen.

Glücks­spiel, Pro­sti­tu­ti­on, Umwelt­ver­schmut­zung, Dro­gen… Die Lis­te ist recht lang.

Was also könn­ten die Beweg­grün­de sein, „Abi­os Ami­gos – 12 Jah­re Fies­ta“ abzu­leh­nen, dafür aber „Abi Vegas – Ass im Ärmel, Abi in der Tasche“ durch­ge­hen zu las­sen? Der Gla­mour, ja, aber der allein täuscht noch nicht über all jene Pro­ble­me hin­weg die ich in den letz­ten 600 Wor­ten auf­zu­zei­gen ver­sucht habe.

Man mag mir nun vor­hal­ten, das alles über­theo­re­ti­siert, zer­dacht und kaputt-inter­pre­tiert zu haben, aber wenn man schon ein Abi-Mot­to ablehnt, dann soll­te man sich dar­über auch Gedan­ken machen, und dann ist es auch legi­tim, die Gedan­ken mal ein wenig schwei­fen zu las­sen und auch die mög­li­chen Alter­na­ti­ven eben so kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, wie man es beim ers­ten getan hat.

Am Ende läuft es für mich auf eine ganz ein­fa­che Fra­ge hin­aus: In wel­cher Welt wür­de ich eher leben wol­len? (Und wel­che ist damit die, die ich als moralisch/logisch bes­ser ein­schät­ze?)

Und die­se Wahl fällt mir recht leicht, denn lie­ber lebe ich in einer Welt vol­ler Men­schen, die den gan­zen Tag nicht mehr machen als nötig, dafür aber ent­spannt sind und ihre Gren­zen ken­nen (den wie sonst hält man 12 Jah­re durch­ge­hen­den Fei­ern aus, und schafft trotz­dem sein Abi?) als in einer Welt, in der ich nie­man­dem trau­en kann, weil jeder noch ein Ass im Ärmel hat, sich nie in die Kar­ten schau­en lässt und, und dafür steht Las Vegas in letz­ter Kon­se­quenz auch, nur an sich selbst denkt.

Und noch ein abschlie­ßen­der Gedan­ke: Ich fin­de, dass die­se Selbst­iro­nie, die in dem ers­ten Mot­to mit­schwingt, von eben jener Ehr­lich­keit und Selbst­re­fle­xi­on zeugt, die ich gern von einem Abitu­ri­en­ten sehen möch­te. Ganz gleich, ob mir das Ergeb­nis gefällt. Und Ein­sicht ist ja bekannt­lich der ers­te Schritt zu Bes­se­rung.

A pro­pos Bes­se­rung: An einer Schu­le, die auch schon „Abi­sto­kra­tie 2012”, also eine Anspie­lung auf eben jene unde­mo­kra­ti­sche Herr­schafts­form des Adels über den Rest zuge­las­sen hat, die wir gera­de in Deutsch­land stolz sein kön­nen, über­wun­den zu haben, und die schon per Defi­ni­ti­on nichts auf einer Abschluss­fei­er von Leu­te zu suchen hat, die irgend­wann ein­mal in Füh­rungs­po­si­tio­nen sit­zen möch­ten, ver­wun­dert die Zurück­wei­sung von dazu im Ver­gleich wirk­lich harm­lo­sen Par­ty­gän­gern doch schon.

 

JB


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