An Tagen wie diesen - Ein Gastbeitrag von Tobias Böhm

Der 19. März 2017 ist wohl einer von den Tagen, an denen man sich in Tote-Hosen-Manier Unend­lich­keit wünscht, zumin­dest wenn zu den 32% der Deut­schen gehört, die laut aktu­el­len Umfra­gen die SPD wäh­len wür­den. Denn ges­tern konn­te Ex-SPD-Chef Sig­mar Gabri­el gleich zwei sei­ner jüngs­ten und wohl auch wich­tigs­ten Erfol­ge fei­ern: Zum einen wird die­ses Land mit Amts­an­tritt Frank-Wal­ter Stein­mei­ers nun zum drit­ten Mal seit sei­ner Grün­dung von einem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Staats­ober­haupt geführt, zum ande­ren konn­te Mar­tin Schulz bei sei­ner Wahl zum neu­en SPD-Chef ein his­to­ri­sches Ergeb­nis erzie­len. 605 der gül­ti­gen 605 Wahl­zet­teln war ein kla­res „JA“ zur Per­so­na­lie Schulz als neu­er Vor­sit­zen­der und Kanz­ler­kan­di­dat der SPD zu ent­neh­men. Nicht ein­mal Ange­la Mer­kel hat es bis­her ver­mocht, eine Zustim­mung von 100% der Dele­gier­ten hin­ter sich zu ver­sam­meln. Schon allein dar­an lässt sich erken­nen, wie eupho­ri­siert die Genos­sen in die­sen Tagen sind, wie ent­schlos­sen, die Land­tags­wah­len in Schles­wig-Hol­stein, Nord­rhein-West­fa­len und im Saar­land zu gewin­nen und vor allem den nächs­ten Bun­des­kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu stel­len. Es sind gro­ße Zie­le, die Mar­tin Schulz for­mu­liert, doch auch der Zulauf, über den sich die SPD der­zeit freu­en darf, lässt posi­ti­ve Pro­gno­sen zu, denn über 13.000 neue Mit­glie­der seit Anfang des Jah­res kön­nen das rote Par­tei­buch der SPD nun ihr Eigen nen­nen.

Mög­li­cher­wei­se ange­steckt vom „Schulz-Hype“, der die letz­ten Mona­te domi­niert hat, habe auch ich mich vor eini­gen Wochen dazu ent­schie­den, mei­nen Bei­trag zu die­sen 13.000 Men­schen zu leis­ten. Und so kam es, dass ich letz­ten Nach­mit­tag den Par­tei­tag im Live­stream mit­ver­folgt habe. Dabei war Schulz‘ Rede durch­aus in der Lage mich zu begeis­tern, denn es ist ihm gelun­gen, sei­ne Kern­bot­schaf­ten lei­den­schaft­lich zu über­mit­teln und die Genos­sen auf die kom­men­den Her­aus­for­de­run­gen ein­zu­schwö­ren. Gerech­tig­keit ist dabei sein zen­tra­les The­ma, der Bruch mit dem „Wei­ter-So“, das die Mer­kel-Poli­tik gegen­wär­tig (und auch in Ver­gan­gen­heit) domi­niert (und domi­niert hat) und eine kla­re Kampf­an­sa­ge an alle Popu­lis­ten, die im Begriff sind, das poli­ti­sche Kli­ma in Deutsch­land mit Het­ze und Gewalt zu ver­gif­ten. Schulz hat sei­ne rigo­ro­se Linie gegen Extre­mis­mus schon in sei­ner Zeit als Prä­si­dent des EU-Par­la­ments unter Beweis gestellt. Denn dort ver­such­ten die Abge­ord­ne­ten ein­schlä­gi­ger Par­tei­en die rote Linie des Erlaub­ten Stück für Stück zu ver­schie­ben, indem sie jeden Tag ein neu­es Tabu bra­chen, um ihre Poli­tik salon­fä­hig zu machen. Schulz wuss­te dies mit dis­zi­pli­na­ri­schen Maß­nah­men stets zu regu­lie­ren und so hof­fe ich, dass ihm dies auch in unse­rem Land gelin­gen wird, denn eine ähn­li­che Vor­ge­hens­wei­se lässt sich seit lan­gem bei AfD, PEGIDA und Ähn­li­chem beob­ach­ten.

Doch nicht nur sei­ne kon­se­quen­te Hal­tung sehen vie­le als kla­ren Plus­punkt für Schulz an, son­dern auch sei­ne Ver­gan­gen­heit sorgt für Sym­pa­thi­en. Denn Schulz ist ein Para­de­bei­spiel dafür, wie man es mit viel Ehr­geiz und Dis­zi­plin von „ganz unten“ bis nach „ganz oben“ schaf­fen kann. Als Sohn eines Poli­zis­ten und einer Haus­frau wuchs er in sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf und brach sei­ne Schul­lauf­bahn in der elf­ten Klas­se ab, nach­dem er die­se zwei­mal wie­der­ho­len muss­te. Weil er sei­nen eigent­li­chen Traum, ein Fuß­ball­star zu wer­den, auf Grund einer schwe­ren Ver­let­zung nicht erfül­len konn­te, muss­te er not­ge­drun­gen eine Aus­bil­dung zum Buch­händ­ler absol­vie­ren. In spä­te­ren Jah­ren wur­de er auch noch alko­hol­krank und kämpf­te mit Sui­zid­ge­dan­ken. Doch mit star­ker Wil­lens­kraft konn­te er sei­ne Alko­hol­sucht besie­gen und begann sich poli­tisch zu enga­gie­ren, sodass er nach kur­zer Zeit als Kom­mu­nal­po­li­ti­ker schließ­lich in das Euro­pa­par­la­ment gewählt wur­de. Schulz hat also gezeigt, dass er ein Kämp­fer ist, der sei­ne Zie­le mit gro­ßen Ambi­tio­nen zu ver­fol­gen weiß.

Er ist daher nicht ohne Grund der Hoff­nungs­trä­ger Vie­ler auf einen Poli­tik­wech­sel und auch ich bin davon über­zeugt, dass Mar­tin Schulz der­zeit der ein­zi­ge Mann ist, der das Poten­ti­al hat, die Kanz­le­rin zu schla­gen und ein wei­te­res Erstar­ken der Rech­ten in Deutsch­land zu ver­hin­dern. Rea­lis­tisch betrach­tet ist klar, dass das kei­ne leich­te Auf­ga­be ist, zumal frag­lich ist, ob Schulz die Begeis­te­rung um sei­ne Per­son bis zur Wahl im Sep­tem­ber auf­recht­erhal­ten kann. Doch die Zie­le sind fest abge­steckt, die SPD möch­te stärks­te poli­ti­sche Kraft wer­den und nach Mög­lich­keit eine wei­te­re gro­ße Koali­ti­on ver­hin­dern. Mit Schulz kann dies gelin­gen. Klar ist für mich jeden­falls, dass auch dies­mal wie­der die Per­so­nen wahl­ent­schei­dend sein wer­den und die Inhal­te eine eher sub­or­di­nier­te Rol­le ein­neh­men ─ wir kön­nen uns folg­lich auf ein Duell Mer­kel gegen Schulz, gewürzt mit einer übel­schme­cken­den Por­ti­on AfD-Het­ze und einer Pri­se „Keiner-ist-hier-rechter-als-wir”-Parolen aus Bay­ern freu­en. Als Bei­la­ge gibt es Grü­nes. Ach ja, und die FDP dür­fen wir natür­lich nicht ver­ges­sen, schließ­lich kann man immer jeman­den gebrau­chen, der im Not­fall noch schlech­ter ist als man selbst.

 

Tobi­as Böhm

 

Titel­bild: FAZ


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