Deeskalation - Julian Böhm

Ich war­te immer noch auf Ant­wort von der Poli­zei. Etwa einen Monat ist es nun schon her, dass ich in Pots­dam auf dem Bahn­hof auf mei­nen Zug war­te­te, als eine Grup­pe Fuß­ball­fans des FC Ener­gie Cott­bus „Arbeit macht frei“-grölend ihren Zug wech­sel­ten. Eskor­tiert von Beam­ten der Bun­des­po­li­zei. In den Zug, in den ich auch stei­gen woll­te.

Wäh­rend wir, also ich, ein paar ande­re Unbe­tei­lig­te, die­se Fans mit dem IQ unse­rer Kak­te­en und die Poli­zis­ten auf den Zug war­te­ten, muss man mir mei­ne Ver­wir­rung über die Taten­lo­sig­keit der Hüter des Geset­zes wohl ange­se­hen haben, denn ein rela­tiv jun­ger Poli­zist kam auf mich zu und frag­te, ob an mir denn hel­fen könn­te. Ich brach­te mei­ne Ver­wun­de­rung dar­über zum Aus­druck, dass man so etwas unge­ahn­det las­sen wür­de, und wur­de belehrt: Dees­ka­la­ti­on lau­tet das neue Zau­ber­wort. Dees­ka­la­ti­on. Mal ganz abge­se­hen davon, dass es mich ganz und gar nicht dees­ka­lier­te, dort vor­nehm­lich jun­ge deut­sche Män­ner men­schen­ver­ach­ten­de Paro­len schrei­en zu hören, frag­te man mich, wie ich mir denn vor­stel­le, was man nun dage­gen machen soll­te. Was ich wohl den­ken wür­de was los wäre, wenn man da nun mit Gewalt rein­ge­hen wür­de. Eine Schlä­ge­rei wäre die Fol­ge, so infor­mier­te mich der Poli­zist, der, wie sei­ne gut 15 ande­ren Kol­le­gen auch in vol­ler Mon­tur, inklu­si­ve Helm, Schlag­stock, Pfef­fer­spray und Video­ka­me­ra vor mir stand. Aber spä­ter, so ver­si­cher­te man es mir wört­lich, „spä­ter wer­den man sie zur Rechen­schaft zie­hen“. Und so stie­gen wir also in den Zug, die Poli­zis­ten, die Ver­wirr­ten und ich, auf den Weg nach Cott­bus. Auf dem Weg stie­gen bereits zwei derer, die den gan­zen Geschichts­un­ter­richt lag offen­bar Krei­de holen waren, unbe­hel­ligt aus. Und das mach­te mich dann schon ein wenig nach­denk­lich.

Soll­te ich es wirk­lich gut fin­den, dass die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit von Men­schen über die Sank­tio­nie­rung men­schen­ver­ach­ten­der Aus­ru­fe gestellt wird? Ich bin mir nicht sicher. Denn was wäre die Bot­schaft davon? Sobald eine hand­fes­te Aus­ein­an­der­set­zung droht, kom­me ich mit allem durch, wie ver­bo­ten es auch sei­en mag? Die­se Fol­ge gefällt mir ganz und gar nicht. Und doch wur­de genau das getan. Es wur­de „dees­ka­lie­rend“ vor­ge­gan­gen, auch, wenn das heißt, dass man nicht weiß wie vie­le der Täter man am Ende dann erreicht. Aber wenn es dann doch mal so weit ist, und man, wie man mir ver­sprach, Anzei­gen erstat­tet, wird auch das wohl kaum fried­lich von­stat­ten­ge­hen. Also wie­so nicht gleich in Pots­dam ein­schrei­ten, wo man phy­sisch über­le­gen ist und all die­se Schan­den für einen Fuß­ball­ver­ein, der noch immer offi­zi­el­ler Pate unse­rer Schu­le-ohne-Ras­sis­mus Grup­pe ist, bei­sam­men hat?

Aber viel­leicht sind ja all die­se Über­le­gun­gen auch voll­kom­men über­flüs­sig, weil man es auf Wegen, die sich mir nicht erschlie­ßen, ja doch geschafft hat, alle zu erwi­schen. Wie gesagt, ich war­te immer noch auf eine Ant­wort der Poli­zei auf mei­ne Fra­ge, zu wie vie­len Straf­an­zei­gen es denn eigent­lich kam. Seit nun­mehr einem Monat. Sind wohl offen­bar doch mehr, als ich dach­te...

 

JB


Schreibe einen Kommentar