Die Jugend von heute! - Warum ich mich mit 18 Jahren manchmal wie 85 fühle

Ich mag Recht­schrei­bung und Gram­ma­tik. Ich fin­de es toll, wenn Sät­ze einen Sinn erge­ben (trau­rig genug, dass man das sagen muss). Des­halb regt es mich umso mehr auf, wenn ich von mei­nem jün­ge­ren Bru­der eine Whats­App-Nach­richt mit dem Inhalt „Ich geh raus kann mei­ne Freun­din nacher mit zu mir kom­men??? Mama sagt ixg muss 19 zuhau­se sein bist du da da wenn ja mach mal 🍕 warm“ erhal­te. Gott, lass es Kom­mas reg­nen!

Aber ich bin auch ein gro­ßer Freund des sozia­len Netz­werks Twit­ter, was seit Jah­ren für 80% der Ver­ar­mung der deut­schen Spra­che ver­ant­wort­lich gemacht wird. Wie soll man sich in 140 Zei­chen schließ­lich kul­ti­viert aus­drü­cken? Nun, die­se Zei­chen­be­gren­zung wur­de Ende 2017 auf das Dop­pel­te erhöht, das soll­te jetzt also nicht mehr das Haupt­pro­blem der Inter­net-Geg­ner sein. Durch die­se Zei­chen­be­gren­zung kommt (oder bes­ser, kam) es aber den­noch des öfte­ren zu fata­len Ein­spa­run­gen. Ich muss geste­hen, ich habe mich selbst schul­dig gemacht, ab und an mal ein Kom­ma weg zu las­sen - aber nur im äußers­ten Not­fall!

War­um man aber bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on via Whats­App mit Zei­chen knau­sert, ist mir wirk­lich ein Rät­sel. Damals, bei der SMS, kos­te­te ja jeder Buch­sta­be noch Geld, aber nicht mal das ist heu­te noch der Fall. Whats­App ist ein wah­res Minen­feld digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es ist die Hoch­burg der Emo­jis und Abkür­zun­gen. Wg, hdgdl, gn8, tbh, btw… die Lis­te ist schier end­los, und um ehr­lich zu sein ver­ste­he selbst ich mit mei­nen jugend­li­chen 18 Jah­ren kein Vier­tel die­ser Kür­zel. Ich emp­fin­de es auch als äußerst unan­ge­nehm, wenn mir jemand eine Nach­richt schickt, die zur Hälf­te aus schein­bar wahl­los zusam­men­ge­wür­fel­ten Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen besteht, weil ich näm­lich per­ma­nent Goog­le befra­gen muss, was mein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pat­ner über­haupt von mir will. Doch selbst wenn ein Wort mal aus­ge­schrie­ben wird, habe ich regel­mä­ßig das Bedürf­nis, mei­nem „Gesprächs“-Partner den Duden über den Kopf zu zie­hen. Adjek­ti­ve, Ver­ben, Demons­tra­tiv- und Pos­se­siv­pro­no­men, ja selbst Arti­kel schei­nen trau­rig in den Bücher­re­ga­len zu ver­rot­ten und nur noch in Schul­auf­sät­zen gebraucht zu wer­den, um die Min­dest­wör­ter­zahl zu errei­chen. Und Satz­zei­chen? Wer braucht die schon? Schließ­lich kom­me es nicht auf Inhal­te an, so auch Karl Heinz Göt­tert in sei­nem Text „Schwät­zer“. Laut Schulz von Thuns Vier-Sei­ten-Modell gehört zu einer ver­nünf­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on aber ein biss­chen mehr. Neben dem Sach­in­halt und der Selb­stof­fen­ba­rung - bei­des schwer weg­zu­kür­zen, wenn man noch irgend­et­was aus­sa­gen will - sind auch die Offen­ba­rung der Bezie­hung zum Gesprächs­part­ner und ein Appell an die­sen nicht bedeu­tungs­los. Letz­te­res ist aber oft nur noch Zeit- und Platz­ver­schwen­dung. „Schu­le is voll lw“ (lw steht hier übri­gens für „lang­wei­lig“). Okay, vie­len Dank für die­se Infor­ma­ti­on, aber was soll ich damit jetzt anfan­gen? Der Appell ist hier gänz­lich unter den Tisch gefal­len und auch die Bezie­hung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner lässt sich nur mit sehr viel Phan­ta­sie hin­ein inter­pre­tie­ren.

Da muss man sich ernst­haft fra­gen, ganz so wie Jas­per März in sei­nem „HDL Song“, ob die Men­schen über­haupt noch gan­ze Sät­ze ken­nen, oder ob sie ihnen ein­fach zu schwer sind. Dirk von Geh­len sieht das alles viel gelas­se­ner. In sei­nem Text „Wie die Digi­ta­li­sie­rung unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on umkrem­pelt“ spricht er sogar davon, dass der „Text als kul­tu­rel­le Kate­go­rie (…) durch neue Abkür­zun­gen und Emo­ti­cons belebt und erfreut“ wer­de. Belebt auf jeden Fall, es bringt durch­aus Dyna­mik in die Sache, wenn man jede zwei­te Abkür­zung nach­schla­gen muss; es wäre ja auch total lw, wenn man sich gegen­sei­tig ver­steht. Aber ob die Kom­mu­ni­ka­ti­on und Spra­che durch die­se poe­ti­schen Wort­neu­schöp­fun­gen erfreut wird, stel­le ich mal in Fra­ge. Ich bin da eher der Mei­nung, die Her­ren Goe­the, Schil­ler und Schulz von Thun wür­de sich im Gra­be umdre­hen.

Aber es kom­me bei der moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on ja sowie­so nicht auf Inhal­te an, son­dern auf Kon­tak­te, so Karl-Heinz Göt­tert. Da stellt sich für mich aber die Fra­ge, wie man eine Bezie­hung beim Chat­ten auf­recht erhal­ten will, wenn man aus den Kurz­nach­rich­ten an sich - wie gesagt - nicht ein­mal die Bezie­hung der Gesprächs­part­ner zuein­an­der erken­nen kann. Schließ­lich ist ein wei­te­rer sehr popu­lä­rer Kri­tik­punkt an digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on die anschei­nend feh­len­den Emo­tio­nen.

Es man­ge­le an Gefühl und Herz­lich­keit, kri­ti­siert Hans Zehet­mair, Vor­sit­zen­der des deut­schen Recht­schreibrats. Aber Herr Zehet­mair, dafür haben wir doch Emo­jis! Nicht umsonst ist die­ses Wort von „Emo­tio­nen“ oder dem eng­li­schen „emo­ti­on“ abge­lei­tet. Mit den klei­nen bun­ten Bild­chen las­sen sich her­vor­ra­gend Gefüh­le zum Aus­druck brin­gen, nicht wahr? ☺️ Na ja, vor­aus­ge­setzt, bei­de Gesprächs­part­ner haben die­sel­be Visi­on von dem, was die­ses Bild­chen bedeu­ten soll 🧐. Allein schon auf iOS- und Andro­id-Han­dys sehen die­sel­ben Smi­leys zum Teil so unter­schied­lich aus, dass man gar nicht wis­sen kann, wel­che Emo­ti­on nun durch wel­ches Emo­ji ver­tre­ten wer­den soll 😤. Genau, die­ses da zum Bei­spiel! Schnauft es vor Wut oder vor Anstren­gung? Oder hat es viel­leicht ein­fach nur zwei Knob­lauch-Knol­len im Mund? Miss­ver­ständ­nis­se sind da offen­sicht­lich vor­pro­gram­miert. (Eines muss ich Whats­App aber hoch­er­freut zu Gute hal­ten: Seit eini­ger Zeit gibt es jedes mensch­li­che Emo­ji als Frau und als Mann und mit ver­schie­de­nen Haut­far­ben! 👩🏾🔧)

Neben mimisch aus­ge­drück­ten Gefüh­len gehen bei der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on aber auch alle ande­ren opti­schen Fak­to­ren ver­lo­ren. Abfäl­li­ge Hand­be­we­gun­gen kön­nen nicht gese­hen wer­den und Erlo­ge­nes kann kaum geprüft wer­den. Das Eupho­rie-Modell der Kom­mu­ni­ka­ti­on nimmt an, dass jeder Mensch ein idea­les und ein rea­les Selbst hat. Oft klaf­fen heu­te die­se bei­den Vor­stel­lun­gen weit aus­ein­an­der; hier bie­tet das Inter­net die idea­le Gele­gen­heit zur ein­fachs­ten Selbst­ver­wirk­li­chung. Woher soll mein Chat-Part­ner wis­sen, ob ich wirk­lich gera­de einen grü­nen Smoot­hie trin­kend aus dem Fit­ness-Stu­dio kom­me der doch eher mit Bier und Chips auf der Couch lie­ge? Jeder möch­te sich von sei­ner bes­ten Sei­te zei­gen und die feh­len­de Face-to-face-Kom­mu­ni­ka­ti­on bie­tet hier­bei einen wun­der­ba­ren Spiel­platz.

Dies mag auch einer der Grün­de dafür sein, dass die digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on der „rea­len“ den Rang abzu­lau­fen scheint. Klaus Woi­sch­ner stellt fest, dass vie­le Men­schen mehr Zeit im Inter­net und damit in vir­tu­el­len Gemein­schaf­ten ver­bräch­ten, als in direk­ter, ana­lo­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on schei­ne zur Aus­nah­me, zur Abwechs­lung gewor­den sein, so Woi­sch­ner (Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­stru­iert Wirk­lich­keits­be­wusst­sein, 2014). Sei­en wir doch mal alle ehr­lich mit uns selbst, es ist eine bil­li­ge Aus­re­de, dass wir Whats­App und Co. vor allem nut­zen, um mit unse­ren Schul­freun­den in Kon­takt zu blei­ben. Wenn das so wäre, kann mir dann bit­te mal jemand erklä­ren, war­um wäh­rend der Früh­stücks­pau­se in unse­rem Klas­sen­raum bei­na­he Toten­stil­le herrscht und besag­te Freun­de neben­ein­an­der an ihren Schul­ti­schen sit­zen, an ihren Bro­ten knab­bern und stumm auf ihre Smart­pho­nes star­ren?

Karl-Heinz Göt­tert lässt in die­sem Zusam­men­hang ein Wort fal­len, wel­ches bei Dis­kus­sio­nen über digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on viel zu schnell aus­ge­blen­det wird: Sie ist vor allem ein­sam. Es fehlt schlicht und ergrei­fend der rei­ne mensch­li­che Kon­takt. Die­se kör­per­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on sei aber fest in den Men­schen ver­an­kert und sogar zwin­gend not­wen­dig, um wich­ti­ge Bezie­hun­gen auf­zu­bau­en, führt Woi­sch­ner an. „Klei­ne Kin­der brau­chen das Zusam­men­sein mit der kör­per­li­chen Oma, um dann die Tele­fon­stim­me als ‚Oma’ anneh­men zu kön­nen“. Was aber, wenn unse­re Kin­der und Enkel die Oma nur vom Chat­ten ken­nen? Ich bezweif­le sehr stark, dass Omas vir­tu­el­le Plätz­chen genau so gut schme­cken wie die ech­ten.

Letzt­end­lich schei­den sich in Sachen digi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on die Geis­ter vehe­ment. Die einen sagen, durch die Ver­kür­zung feh­le es an Gefühl und Phan­ta­sie, die ande­ren mei­nen, durch die Locker­heit sei eine Kurz­nach­richt viel mensch­li­cher als ein Brief und die Ver­kür­zung rege die Phan­ta­sie gera­de­zu an (Jens Dirk­sen, Gre­gor Bolt, Brit­ta Hei­de­mann: Ver­schan­deln SMS und Twit­ter die deut­sche Spra­che?). Hans Zehet­mair befürch­tet, Abkür­zun­gen wären der Unter­gang der deut­schen Spra­che. Dirk von Geh­len emp­fin­det sie als erfreu­li­cher, bele­ben­der, neu­er Wind in der Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Doch eines haben sie alle gemein­sam: Das Inter­net und sozia­le Medi­en sind zwar der Ort, an dem sich die­se neu­en Strö­mun­gen ent­wi­ckeln, nicht aber zwangs­läu­fig ihre Ursa­che. Wie der Text „Chat-Kom­mu­ni­ka­ti­on im Span­nungs­feld Ora­li­tät und Lite­ra­li­tät“ von Vere­na Tha­ler erken­nen lässt, ist bei Wei­tem nicht das Inter­net Schuld an feh­len­der Face-to-face-Kom­mu­ni­ka­ti­on. Viel mehr bot die Erfin­dung der Schrift selbst die Mög­lich­keit, über räum­li­che Tren­nung hin­aus zu kom­mu­ni­zie­ren. Das Inter­net füg­te ledig­lich den Fak­tor der schnel­le­ren Inter­ak­ti­vi­tät zu die­sem Umstand hin­zu. Sicher, Twit­ter hat einen ent­schei­den­den Anstoß zur Ver­kür­zung von Wör­tern gege­ben, doch kann man es nicht dafür ver­ant­wort­lich machen, dass sich die­se auch über das sozia­le Netz­werk hin­aus ver­brei­tet hat. Der ein­zi­ge Grund für die dras­ti­sche Redu­zie­rung gram­ma­ti­scher Grund­la­gen in der Spra­che ist in mei­nen Augen die Faul­heit. Auf win­zi­gen Smart­pho­ne-Tas­ta­tu­ren ist es anstren­gend, gan­ze Wör­ter und Sät­ze zu for­mu­lie­ren, also wird ein­fach die Hälf­te weg gelas­sen; das Gegen­über wird schon wis­sen, was gemeint ist.

Und sein wir ehr­lich, kei­ner kann mir erzäh­len, dass die­se Schreib­faul­heit ohne das Inter­net nicht ent­stan­den wäre. Schrie­ben wir noch Brie­fe, wäre die­ser Umstand wahr­schein­lich noch aus­ge­präg­ter, schließ­lich scheint das Schrei­ben per Hand bei den Meis­ten phy­si­sche Schmer­zen vor Anstren­gung zu ver­ur­sa­chen.

In die­sem Sin­ne: lg und gn8 😉

 

PK


Schreibe einen Kommentar