Die Sache mit der Zukunft

Eine Mil­li­on Men­schen gin­gen am Sams­tag in Lon­don auf die Stra­ße, um für ein zwei­tes Brex­it-Refe­ren­dum zu demons­trie­ren. Und ich war unter ihnen; Pau­li­ne aus Klein-Kle­ckers­dorf Forst. Das klingt erst­mal recht sinn­los, da ich als deut­sche Staats­bür­ge­rin sowie­so nicht abstim­men dürf­te. Doch kein Pro­test ist jemals sinn­los.

Ich habe das Pri­vi­leg, ohne all­zu viel Papier­kram ein Aus­lands­jahr in Lon­don machen zu kön­nen. Damit könn­te ich aber eine der Letz­ten sein. Dass ich zu die­ser poli­tisch und geschicht­lich wich­ti­gen Zeit direkt hier in Lon­don bin, davon wer­de ich spä­ter wahr­schein­lich mei­nen Kin­dern und Enkeln erzäh­len; so wie mei­ne Eltern und Groß­el­tern vom Fall der Ber­li­ner Mau­er erzäh­len. Ich wer­de ihnen erzäh­len, dass ich jeden Tag besorgt war, dass, wenn ich zu Ostern nach Hau­se flie­ge, sie mich danach nicht mehr zurück ins Land las­sen. Ich wer­de erzäh­len, dass ich nach über der Hälf­te mei­nes Auf­ent­halts hier mei­ne Han­dy­num­mer wech­seln muss­te, weil durch einen Aus­tritt Roa­ming-Gebüh­ren für mei­ne deut­sche Han­dy­num­mer anfal­len wür­den. Aber ich muss ihnen auch erzäh­len kön­nen, dass ich alles mir mög­li­che getan habe, um einen (har­ten) Brex­it zu ver­hin­dern. Ich muss mei­nen Kin­dern und Enkeln sagen kön­nen, dass ich ver­sucht habe, ihnen und vie­len wei­te­ren EU-Bürger*innen die Mög­lich­keit zu geben, die­se phan­tas­ti­sche Stadt auf die­sel­be Wei­se ken­nen­zu­ler­nen, wie ich das Pri­vi­leg habe. Ich wür­de mich schä­men, wenn ich das nicht könn­te.

Genau­so wür­de ich mich in Grund und Boden schä­men, wenn ich mei­ne Enkel*innen mit Son­nen­creme mit Licht­schutz­fak­tor 5000 ein­cre­men muss, weil ich zu faul war, einen Stoff­beu­tel mit mir rum­zu­tra­gen und Fahr­rad zu fah­ren. Zu vie­le Gene­ra­tio­nen vor uns haben nicht weit genug in die Zukunft gese­hen. Wenn wir das Glei­che tun, wer­den unse­re Kin­der uns fra­gen, war­um. Es lässt mei­nen Glau­ben an die Mensch­heit lang­sam zurück­kom­men, wenn ich sehe, wie vie­le Demons­tra­tio­nen es in der letz­ten Zeit in ganz Euro­pa gibt. Fri­days for Future, Arti­kel 13-Demos, der People´s Vote March... Die Men­schen schei­nen anzu­fan­gen, zu begrei­fen. Hören wir jetzt nicht damit auf.

Poli­ti­sches Enga­ge­ment ist nicht bequem. Aber eine Zukunft in einer zer­strit­te­nen Welt ohne funk­tio­nie­ren­des Öko­sys­tem ist noch unbe­que­mer.

Pau­li­ne Kling