Disziplin – Ja, aber…

Ich bin nun seit dem 03.04. bei der Bun­des­wehr. Mari­ne. Des­we­gen gab es die letz­ten paar Wochen auch kei­nen neu­en Arti­kel von mir, da ich erst jetzt die Zeit gefun­den habe, ein paar Zei­len zu schrei­ben.

Eine der ers­ten Sachen, die einem in den Kopf kom­men, wenn man an Bun­des­wehr, oder Armee all­ge­mein, denkt, sind Din­ge wie Dis­zi­plin und Ord­nung. Denn, und das ist halt (lei­der) ein Fakt, ohne Dis­zi­plin und Ord­nung könn­te die Bun­des­wehr nicht exis­tie­ren.

Das ist aber an sich erst­mal noch gar nichts schlim­mes, immer­hin könn­te auch unse­re Gesell­schaft, unse­re Demo­kra­tie, Deutsch­land, eine Schu­le oder selbst eine Fami­lie ohne gewis­se Regeln und deren Ein­hal­tung (und um nichts ande­res geht es bei Dis­zi­plin ja) nicht exis­tie­ren. Sie wür­den alle schlicht zer­fal­len, und sich nach (dann ver­mut­lich ande­ren Regeln) wie­der neu bil­den.

Es ist also kei­ne Fra­ge nach dem OB, son­dern eine nach dem WIEVIEL.

Wie­viel Regeln, Ord­nung und Dis­zi­plin wer­den gebraucht, um ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen? Die­se Fra­ge lässt sich nicht pau­schal beant­wor­ten, sie hängt auch immer davon ab, wie „belast­bar“ das Ergeb­nis sein soll. Heißt also: Räu­me ich zuhau­se mal den Geschirr­spü­ler nicht aus, obwohl es mei­ne Auf­ga­be war, dann gibt es viel­leicht ein wenig Ärger, ster­ben wird davon jedoch nie­mand. Ganz anders sieht es bei der Bun­des­wehr aus. Um sicher­zu­stel­len, dass dort auch in Extrem­si­tua­tio­nen immer alles funk­tio­niert, bedarf es eines gewis­sen „blin­den Gehor­sams“, der bei Bedarf abge­ru­fen wer­den kann. Auch das ist immer noch nicht pro­ble­ma­tisch, auch in der Schu­le läuft es mit­un­ter genau­so. Feu­er­alarm, Che­mie­un­ter­richt, Amok­lauf … bei all die­sen gibt es fest­ge­leg­te Regeln, wie man sich wann wie zu ver­hal­ten hat. Und auch das ist gut so.

Aller­dings ist es eben, wie wei­ter oben bereits ange­spro­chen, haupt­säch­lich eine Fra­ge nach dem WIEVIEL. Ich gebe zu, dass ich sehr ver­wun­dert war, als beim Mar­schie­ren dann irgend­wann doch tat­säch­lich der Befahl „Selbst­stän­dig dem Hin­der­nis aus­wei­chen“ beka­men, wo doch sonst alles, selbst der Abstand mei­nes Kopf­kis­sens zur Bett­kan­te, bis auf den Zen­ti­me­ter genau fest­ge­legt ist. Das ist einer­seits sehr prak­tisch, denn so redu­ziert sich der eige­ne Denk­an­teil hier­bei auf ein Mini­mum. Ande­rer­seits birgt es die Gefahr, dass dies zur Gewohn­heit wird, und man das selbst­stän­di­ge Den­ken am Ende voll­kom­men ver­lernt. Und das will, glaubt es oder nicht, weder die Schu­le, noch die Fami­lie, und ja, auch (gera­de) nicht die Bun­des­wehr. Zumin­dest nicht dann, wenn es dar­auf ankommt. Es lässt sich nun dar­über strei­ten, wie Sinn­voll es ist, dass ich ab sofort ange­schrien wer­de, wenn nicht all mei­ne Taschen geschlos­sen sind oder ich mich nicht abso­lut jeden Mor­gen rasiert habe. Aber genau da wird es für mich span­nend.

Denn offen­bar scheint es kei­ne „Grau­zo­ne“ zwi­schen Regeln und kei­nen Regeln zu geben. Wenn sicher­ge­stellt wer­den soll, dass ich Befeh­len und Regeln (die, das set­ze ich hier­bei stets vor­aus, recht­mä­ßig sind) gehor­che, ganz gleich wie sinn­los sie erschei­nen mögen, dann muss man dies offen­bar auch voll­stän­dig durch­zie­hen. Sowohl bei den posi­ti­ven als auch bei den weni­ger posi­ti­ven Din­gen.

Da stellt sich mir die Fra­ge, ob es nicht viel­leicht noch ganz ande­re Berei­che gibt, in denen das ganz ähn­lich ist. Die Demo­kra­tie zum Bei­spiel. Oder das wun­der­ba­re The­ma der Poli­ti­cal Cor­rect­ness. Haben die­se Din­ge nur eine wirk­li­che Chan­ce, wenn sie ohne jede Aus­nah­me bis ins Letz­te ange­wandt wer­den?

Nun, bei der Poli­ti­cal Cor­rect­ness ist das mit mir per­sön­lich so eine Sache. Ich wen­de sie immer dann an, wenn ich dabei auch einen Mehr­wert erken­nen kann. Ich wür­de aber bei­spiels­wei­se wei­ter von einem Stu­den­ten­aus­weis spre­chen, auch, weil ich bis­her noch kei­ne weib­li­che Per­son getrof­fen habe, die sich dadurch tat­säch­lich in irgend­ei­ner Wei­se benach­tei­ligt oder sexis­tisch behan­delt fühl­te. Und auch Dro­gen­dea­le­rin­nen und Dro­gen­dea­ler wer­det ihr bei mir eher sel­ten fin­den. Gera­de bei einem so männ­lich domi­nier­ten Umfeld wie dem in der Kaser­ne tre­ten aber durch­aus auch immer wie­der Situa­tio­nen auf, in denen die Sol­da­tin­nen manch­mal schon ein wenig schief gucken, wenn es dar­um geht, sich end­lich „wie ein Mann“ zu beneh­men oder es pau­schal immer nur „so Män­ner…“ heißt. Nichts, wor­an sich jemand ernst­haft stö­ren wür­de, es fällt halt eben nur auf und man fragt sich, ob es da kei­ne … schö­ne­re Lösung für gege­ben hät­te.

Bei Demo­kra­tie hie­ße mei­ne Ant­wort jedoch ganz klar: ja. Wich­tig ist hier­bei jedoch, dass auch das dann kon­se­quen­ter Wei­se wie­der die guten wie die weni­ger guten Din­ge ein­schließt. Soll hei­ßen: Kom­pro­miss­lo­ser Ein­satz etwa für die Men­schen­rech­te oder Gleich­be­rech­ti­gung auf der einen Sei­te, gleich­zei­tig und damit ein­her­ge­hend jedoch auch das „Aus­hal­ten“ ande­rer Mei­nun­gen.

Zu eben die­sem The­ma der star­ken und wehr­haf­ten Demo­kra­tie passt per­fekt ein Zitat von Rosa Luxem­burg, mit dem ich die­sen, zuge­ge­ben etwas nach­denk­lich und auch ein wenig län­ger als geplant gera­te­nen Kom­men­tar (Ist das schon der Ein­fluss der Bun­des­wehr?) gern abschlie­ßen wür­de:

„Frei­heit ist immer Frei­heit der Anders­den­ken­den. Nicht wegen des Fana­tis­mus der „Gerech­tig­keit“, son­dern weil all das Blei­ben­de, Heil­sa­me und Rei­ni­gen­de der poli­ti­schen Frei­heit an die­sem Wesen hängt und sei­ne Wir­kung ver­sagt, wenn die „Frei­heit“ zum Pri­vi­leg wird.“

 

JB

 

Bei­trags­bild: pacifichigh.de


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