Fortsetzung von „Traum oder Wirklichkeit“

Für die­sen Bei­trag ist es not­wen­dig, den Bei­trag „Traum oder Wirk­lich­keit“ vom 15.12.2016 zu lesen, denn es han­delt sich um eine Fort­set­zung.


„Was ist mit mir pas­siert?“ frag­te ich mei­ne Mut­ter. Sie blick­te mich trau­rig an. „Ein Unfall.“ ant­wor­te­te sie lei­se. Ich ver­stand nicht und sah sie mit gro­ßen fra­gen­den Augen an. „Ein Auto­un­fall.“ sag­te sie dann. An mei­nem Blick sah sie, dass ich nicht wuss­te, wovon sie sprach. „Weißt du denn gar nicht mehr, als wir auf dem Heim­weg aus dem Urlaub waren und schon fast zu Hau­se uns die­ser ande­re Wagen ramm­te?“ Mei­ne fra­gen­den Augen wur­den noch grö­ßer. Ich ver­such­te mich so ange­strengt wie mög­lich zu erin­nern. Aber da war nichts. Ein paar Bil­der aus dem Urlaub am Meer tauch­ten auf. Aber an den Rück­weg oder wie ich hier in das Kran­ken­haus gekom­men war, konn­te ich mich ein­fach nicht erin­nern. Ich schüt­tel­te zag­haft mei­nen Kopf und senk­te mei­nen Blick. Ich fühl­te mich unend­lich müde und kraft­los. Mei­ner Mut­ter tra­ten wie­der die Trä­nen in die Augen. Ich sah es in mei­nem Augen­win­kel. Ich ver­such­te ihr zuzu­lä­cheln, in der Hoff­nung, dass sie dann auf­hö­ren wür­de zu wei­nen. Doch es trieb ihr nur noch mehr Trä­nen in die Augen. Mein Vater stand auf und nahm sie in den Arm. Ich hör­te sie schluch­zen.

Als sie sich etwas beru­higt hat­te, wand­te sie sich mir wie­der zu, strei­chel­te mir über das Gesicht und lächel­te. „Wir haben so lan­ge dar­auf gewar­tet, dass du wie­der auf­wachst.“ – „Auf­wachst? Was meinst du damit, Mama?“, woll­te ich wis­sen. „Du hast jetzt fast ein Jahr im Koma gele­gen.“, ant­wor­te­te sie mir nach einer Wei­le.

´Im Koma? Dann hat­te die­se Nele ja recht!‚ Ich ver­such­te an mei­ner Mut­ter vor­bei­zu­se­hen und einen Blick auf Fens­ter zum Flur zu bekom­men. Doch Nele konn­te ich nicht ent­de­cken. Vor­hin, als ich auf­wach­te, stand sie dort, genau hin­ter die­sem Fens­ter. Wo war sie hin?

„Wie fühlst du dich Finn?“, frag­te mei­ne Mut­ter und strei­chel­te mir wie­der über den Kopf. Ihre Hän­de fühl­ten sich war und ver­traut an. „Es geht schon.“ ant­wor­te­te ich. Ich woll­te ihr nicht sagen, dass ich mich eigent­lich schreck­lich fühl­te, dass jede Bewe­gung und auch das Spre­chen mir noch schwer fie­len. Ich woll­te tap­fer sein. Für sie tap­fer sein, dass sie sich kei­ne Sor­gen zu machen braucht. Ich glau­be, sie ahn­te aber, wie es mir tat­säch­lich ging. Sie beug­te sich zu mir und umarm­te mich lang und fest. Ich konn­te hören, wie sie wie­der lei­se wein­te.

Dann ging die Tür mei­nes Kran­ken­zim­mers auf. Ich konn­te nicht sehen, wer den Raum betrat. Mei­ne Mut­ter wand­te sich um und erhob sich dann. Hin­ter ihr her­vor trat ein Mäd­chen. Der Schock durch­fuhr mich. Es war Nele. Ihre hell­vio­let­ten Haa­re leuch­te­ten noch stär­ker als sonst.

„Finn, ich möch­te dir jeman­den vor­stel­len. – Das ist Nele. Sie saß in dem Auto, das uns gerammt hat. Nele ist dich schon das gan­ze Jahr über fast jeden Tag besu­chen gekom­men.“ Ich sah erst mei­ne Mut­ter, dann Nele fra­gend an. Ich brach­te kei­nen Ton her­aus. Ich hoff­te nur, dass es nicht wie­der nur ein Traum war. Sie lächel­ten mich bei­de an. „Finn, Papa und ich müs­sen jetzt los. Ich hof­fe, es ist in Ord­nung, wenn Nele noch etwas bei dir bleibt. Wir kom­men mor­gen wie­der, gleich um drei, wenn die Besuchs­zeit beginnt.“ Ich nick­te ihr zu. Sie umarm­te mich noch ein­mal ganz fest. Auch mein Vater kam jetzt zu mir her­über, umarm­te mich und mein­te so locker er konn­te: „Halt die Ohren steif, mein Gro­ßer!“ Aber ich merk­te, wie es auch ihm schwer­fiel, sei­ne Betrof­fen­heit zu ver­ber­gen. „Wir haben dich sehr lieb.“ set­ze Mut­ter hin­zu. Dann ver­lie­ßen bei­de das Zim­mer.

Nele setz­te sich schnell zu mir ans Bett. Ihre blau­en Augen strahl­ten. Ich blick­te sie fest an. „Ist das hier auch wie­der nur ein Traum?“, frag­te ich sie. - „Was für ein Traum?“, Nele sah mich ver­wirrt an. „Na, so wie die ande­ren!“, gab ich ihr unge­dul­dig zur Ant­wort. „Was für ande­re?“, Nele sah mich noch ver­ständ­nis­lo­ser an. „Wovon redest du?“ - „Sag bloß, du weißt nicht wovon ich spre­che? Das Unwet­ter auf der Blu­men­wie­se, das du aus­ge­löst hast? Dein ers­ter Tag als neue Schü­le­rin in mei­ner in mei­ner Klas­se, als du neben mir geses­sen hast? Und dass du mich fast hast ertrin­ken las­sen? Sagt dir das alles gar nichts?“- Nele sah mich mit gro­ßen Augen an und schüt­tel­te den Kopf. „Finn, ich weiß wirk­lich nicht, wovon du sprichst. Das musst du geträumt haben.“ - „Geträumt? Du meinst, das hier ist die Wirk­lich­keit?“, frag­te ich skep­tisch – „Ja, Finn. Ich weiß nichts von einer Blu­men­wie­se. Und ich habe dich auch nicht bei­na­he ertrin­ken las­sen. Das ist Quatsch.“ Nele wirk­te fast schon ein wenig belei­digt.

„Nur eins stimmt wirk­lich.“ sag­te sie dann. „Ich bin tast­säch­lich in dei­ner Klas­se. Mei­ne Eltern und ich sind letz­tes Jahr hier­her gezo­gen. Und weißt du was, ich sit­ze tast­säch­lich auf dem Platz neben dem, auf wel­chem du immer geses­sen hast. Ich hab es dir erzählt, als du im Koma lagst. Wahr­schein­lich hät­ten wir wirk­lich neben­ein­an­der geses­sen. Aber dazu ist es lei­der nicht mehr gekom­men. Es war unser Umzugs­tag, als wir mit unse­rem Trans­por­ter euer Auto ramm­ten. Dei­nen Eltern und uns ist so gut wie nichts pas­siert, aber du warst schwer ver­letzt. Nie­mand wuss­te, ob du das über­le­ben wür­dest. Du lagst im Koma seit die­sem Tag. Ich habe mei­ne Eltern Löcher in den Bauch gefragt, erst recht als ich mit­be­kam, dass ich in der neu­en Schu­le genau neben dem Platz des Jun­gen saß, der bei dem Auto­un­fall mei­ner Eltern so schwer ver­letzt wor­den war. Ich woll­te dich unbe­dingt sehen. Ich muss­te dich sehen. Ich drän­gel­te so lan­ge wei­ter, bis mei­ne Eltern Kon­takt zu dei­nen Eltern auf­nah­men und mir erlaub­ten, dich im Kran­ken­haus besu­chen zu kön­nen. Seit­dem war ich ganz oft schon hier bei dir und hab dir prak­tisch alles von der Schu­le und auch von mir erzählt.“ Nele kicher­te lei­se. Da muss­te ich lächeln. Dass Nele von nichts wuss­te, beru­hig­te mich. Ich war erleich­tert. End­lich war ich in der Wirk­lich­keit ange­kom­men. Jetzt wür­de alles gut wer­den.

 

NK


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