Ich

Ich weiß es noch wie heu­te – ein Tag wie jeder ande­re. Da beschloss ich etwas zu ver­än­dern. Das Pas­sier­te in einen Kar­ton zu packen – es zu ver­ges­sen. Mein Leben nun so zu leben, wie ich es mir immer vor­ge­stellt hat­te. Nun muss­te ich nicht mehr die Kanz­lei mei­ner Eltern über­neh­men. Ich konn­te jetzt mein eige­nes Café eröff­nen. Mei­ne Eltern, der Typ, der sich Freund schimpft und die soge­nann­ten Freun­de – alle konn­te ich hin­ter mir las­sen. Mein Weg führ­te mich jetzt zu mei­ner Groß­mut­ter. Sie hat­te mich immer unter­stützt, bei allem was ich getan hat­te. Der ers­te Kurz­haar­schnitt, die Gitar­re anstatt des Kla­vier­un­ter­richts. Ihre größ­te Unter­stüt­zung bekam ich aber immer, wenn es um’s Backen ging. Sie brach­te mir alles bei, was ich wis­sen muss­te. Von einem nor­ma­len Scho­ko­la­den­ku­chen über eine Apfel­tor­te.

Die Fahrt zu ihr dau­er­te etwas über drei Stun­den. Über den gesam­ten Trip lief das Radio – auch wenn die Charts nicht unbe­dingt mei­ne Lieb­lin­ge waren. Ich sah mei­ne Groß­mut­ter, sah ich schon von Wei­tem. Fin­nie, ihr klei­ner, dick­li­cher Dackel, saß dane­ben. Sie strahl­te über das gan­ze Gesicht, als sie mein Auto erkann­te. Die­ses park­te ich in ihrer Auf­fahrt und stieg aus. Fin­nie kam auf mich zuge­lau­fen. Ich beug­te mich run­ter und strei­chel­te, kraul­te ihn. Fin­nie und ich sind qua­si zusam­men auf­ge­wach­sen. Ich besuch­te mei­ne Groß­el­tern oft, als ich klei­ner war. Die­se Besu­che wur­den weni­ger, als ich in die Schu­le kam, bis dahin, dass ich sie gar nicht besuch­te. Auch nicht, als wie erfuh­ren, dass mein Groß­va­ter ster­ben wür­de. Mei­ne Mut­ter und ihre Eltern hat­ten nicht das bes­te Ver­hält­nis zuein­an­der, dafür aber war das Ver­hält­nis zwi­schen mir und mei­nen Groß­el­tern etwas Beson­de­res. Sie waren qua­si mei­ne Eltern. Mei­ne Oma kam jetzt auf mich zu und umarm­te mich. Umklam­mer­te mich, als wäre ich ihre letz­te Ret­tung. Sie muss­te nicht mehr geret­tet wer­den. Sie war ein her­zens­gu­ter Mensch, der jedem half der sie brauch­te. Ich erwi­der­te die fes­te Umar­mung, denn sie war mei­ne Ret­tung. Ohne sie wäre ich nicht aus mei­ner per­sön­li­chen Höl­le her­aus­ge­kom­men.

Ich nahm mei­ne Taschen aus dem Kof­fer­raum und folg­te mei­ner Groß­mut­ter in das alt­be­kann­te Haus. Der Duft ihrer Blau­beer­muf­fins schlug mir ent­ge­gen, als ich es betrat. Mei­ne Taschen stell­te ich im Flur ab und ging in die Küche. Zusam­men mit den Muf­fins und einem Tee setz­ten wir uns an den Küchen­tisch und spra­chen über mein neu­es Leben. Träum­ten nur, was zu Träu­men ging. Sie erzähl­te mir, dass sie schon ein klei­nes, lee­res Geschäft gefun­den hat­te, in dem Café eröff­nen konn­te.

Lei­der war das Wunsch­den­ken. Die Kanz­lei mei­ner Eltern hat­te ich nun vor zwei Mona­ten über­nom­men. Fin­nie war vor gut einer Woche weg­ge­lau­fen und mei­ne Groß­mut­ter ver­such­te ihn zu fin­den – sie war ver­zwei­felt. Der Ein­zi­ge, der ihr geblie­ben war, war nun auch weg. Ich ver­such­te am Wochen­en­de bei ihr vor­bei­zu­schau­en, was auf­grund der Arbeit so gut wie nie glück­te. Mei­ne Eltern freu­ten sich, dass sie mich noch eine Wei­le unter ihrem Pan­tof­fel hal­ten konn­ten. Die Idee, ein Café zu besit­zen, war für sie ver­flo­gen, doch in mei­nem Kopf war sie noch vor­han­den. Zwar nicht mehr ganz so groß wie vor­her aber sie war noch da.

 

Pia Marie Kret­sch­mer

 

Bild: Pixabay.com.

 

Der Bei­trag ist anläss­lich des 90. Geburts­ta­ges der Fors­ter „Jahn­schu­le“ im Rah­men der Pro­jekt­wo­che am Gym­na­si­um ent­stan­den. Am 4. Mai fei­ern vie­le Ehe­ma­li­ge im „Fors­ter Hof“ das Jubi­lä­um.