„Und plötzlich ruft jemand ‚Muck’.” - Interview mit Florian Engels (Teil 1)

Flo­ri­an Engels arbei­tet als Regie­rungs­spre­cher im Land Bran­den­burg. Wäh­rend der Pro­jekt­wo­che am Fried­rich-Lud­wig-Jahn-Gym­na­si­um hat er mit uns über sei­ne Schul­zeit, sei­ne Fami­lie, sei­ne drei­mo­na­ti­ge Zeit im Gefäng­nis in der DDR, sei­nen Beruf, über das The­ma „Bil­dung” und über die Demo­kra­tie in Deutsch­land gespro­chen. Den ers­ten Teil unse­res Inter­views könnt ihr nun hier lesen.

Ber­tas Blog: Wie waren Sie in der Schu­le?

Flo­ri­an Engels: Kommt aufs Fach an. Im Sport war ich ganz gut. In Mathe war ich anfangs auch ganz ordent­lich, aber als es in Rich­tung Abitur gegan­gen ist, ging es steil abwärts. Ich kom­me aus West­deutsch­land – aus Bay­ern – und war dort in einer Grund­schu­le. Wir Jungs muss­ten damals auch Häkeln ler­nen. Ich weiß nicht, ob Jungs das heu­te auch noch machen müs­sen. Aber in Häkeln war ich wirk­lich schlecht. In Geo­gra­fie habe ich gute Noten bekom­men. Ich hat­te auch Latein im Gym­na­si­um. Damit habe ich mich sehr schwer getan. Ich mer­ke aber jetzt im Nach­hin­ein, dass mir die­ses Latein spä­ter unglaub­lich gehol­fen hat, um ande­re Spra­chen zu ler­nen, z. B. Fran­zö­sisch oder Spa­nisch, weil vie­le Spra­chen einen Bezug zum Latei­ni­schen haben. Ich habe Latein nicht gemocht. Es ist jedoch ganz hilf­reich, auch wenn man es in der sieb­ten Klas­se – beim Voka­bel­ler­nen – viel­leicht nicht ein­se­hen will.

Ber­tas Blog: Wel­ches Unter­richts­fach moch­ten Sie am liebs­ten? Und wel­ches nicht?

Flo­ri­an Engels: Auch hier kommt es dar­auf an, ob man dabei von der ers­ten Klas­se in der Grund­schu­le spricht oder von der 13. Klas­se im Gym­na­si­um. Grund­sätz­lich waren es Fächer, die etwas mit der Pra­xis zu tun hat­ten. Geo­gra­fie zäh­le ich zum Bei­spiel dazu oder Geschich­te. Fremd­spra­chen habe ich gemocht, auch weil ich viel gereist bin, aber mit Voka­beln ler­nen und Gram­ma­tik tat ich mich ganz schön schwer. Deutsch und Eng­lisch waren mei­ne Leis­tungs­kur­se. Mathe ging gar nicht. Ich habe es den­noch zum Abitur geschafft, aller­dings nur 3,3. Durch­schnitt. Das ist, glau­be ich, nicht so gut. Ich bin trotz­dem im Leben ganz gut vor­an­ge­kom­men. (lacht)

Ber­tas Blog: Wel­che Hob­bies hat­ten Sie als Jugend­li­cher?

Flo­ri­an Engels: Kommt auf das Alter an. Sport war immer ein gro­ßes The­ma, beson­ders Ski­fah­ren und Fuß­ball. Schach. An unse­rer Schu­le gab es eine Schach-AG. Schach ist ein schö­ner Sport. Es ist ein Sport, auch wenn er nichts mit Lau­fen zu tun hat. Schach hat aber mit Den­ken zu tun und hilft einem auch im spä­te­ren Leben. Bezü­ge den­ken. Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln. Lesen habe ich jetzt als Hob­by. Wäh­rend der Schul­zeit moch­te ich es gar nicht. Lesen habe ich erst spät schät­zen gelernt; ich mei­ne, dass ich Spaß an einem Buch habe. Ins Kino gehen war frü­her auch immer ein gro­ßes The­ma. Heu­te aus Zeit­grün­den lei­der viel zu wenig. Was ich auch zu sel­ten, aber sehr ger­ne mache: mit Freun­den in einer Wirt­schaft sit­zen und Skat oder Dop­pel­kopf spie­len. Das ist herr­lich ent­span­nend und meist sehr lus­tig.

Ber­tas Blog: Wie alt sind Ihre Kin­der?

Flo­ri­an Engels: Unser Sohn ist 15 und wird im April 16. Unse­re Toch­ter ist 18 und hat im letz­ten Jahr ihr Abitur gemacht. Sie ist zur­zeit in Asi­en, weil sie kei­ne Lust hat­te, nach der Schu­le gleich zu stu­die­ren. Sie arbei­tet dort, ver­dient sich etwas Geld; kommt aber schon über­nächs­te Woche wie­der zurück. Sie war jetzt ein hal­bes Jahr weg.

Ber­tas Blog: Wel­che Medi­en nut­zen Ihre Kin­der?

Flo­ri­an Engels: Mir wäre es sehr recht, wenn unse­re Kin­der als Medi­um auch Bücher nut­zen wür­den. Wir sind ein so genann­ter Bil­dungs­bür­ger­haus­halt. Bücher sind bei uns The­ma. Aber unse­re Kin­der hat­ten nie rich­tig Bock dar­auf – so wie ich als Kind auch nicht. Sie nut­zen als Medi­um – so wie ihr wahr­schein­lich auch – Smart­pho­nes und haben dort ihre spe­zi­el­len Kanä­le, über die sie sich infor­mie­ren: „Was ist in der Poli­tik los?“, „Was ist im Sport los?“, „Was ist in der Kul­tur los?“. Sie sehen rela­tiv wenig fern. Gesell­schaft­lich spielt das Fern­se­hen auch immer weni­ger eine Rol­le, weil sich Kin­der und Jugend­li­che ihre Nach­rich­ten und Fil­me immer mehr auf ihren Smart­pho­nes und Tablets anschau­en – und das auch ein­zeln schau­en; dass eine Fami­lie gemein­sam vor dem Fern­se­her sitzt, ist viel sel­te­ner gewor­den. Jeder hat sein eige­nes Gerät und ent­schei­det sich sehr indi­vi­du­ell für sein Medi­um.

Ein wich­ti­ges Medi­um sind Zei­tun­gen. Und obwohl ich Jour­na­list bin und bei uns immer Zei­tun­gen sind, haben unse­re Kin­der nur sel­ten Lust dar­auf. Das ist all­ge­mein ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem. Frü­her gab es in fast jedem Haus­halt Zei­tun­gen. Heu­te haben in Bran­den­burg nur 20 Pro­zent der Haus­hal­te eine Tages­zei­tung. Zwar kann man sich auch heu­te im Inter­net infor­mie­ren, aber nur in redu­zier­ter Form. Wer eine Zei­tung auf­schlägt, wird mit vie­len wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen kon­fron­tiert: So schlägt man die Lokal­zei­tung auf und erfährt bspw., dass in der Nach­bar­stra­ße Bau­ar­bei­ten statt­fin­den. Oder auf der ers­ten Sei­te ste­hen poli­ti­sche Infor­ma­tio­nen, die man sonst so nicht wahr­ge­nom­men hät­te. Des­halb hal­te ich Zei­tun­gen für ganz wich­tig. Das, was man bis­her als Zei­tung kennt, nimmt jedoch stark ab auf­grund der elek­tro­ni­schen Medi­en, wie etwa dem Han­dy. Das ist ein Pro­blem.

Ber­tas Blog: Möch­ten Sie, dass Ihre Kin­der auch Jour­na­lis­ten wer­den?

Flo­ri­an Engels: Ich wün­sche mir, dass unse­re Kin­der einen Beruf erler­nen, der sie glück­lich macht und der sie erfüllt. Das ist das wich­tigs­te. Mein Sohn denkt dar­über nach, Jour­na­list zu wer­den, weil er das irgend­wie ganz span­nend fin­det, was ich mache und was Jour­na­lis­mus ist. Er wür­de ger­ne Sport­re­por­ter wer­den. Aller­dings hat er am nächs­ten Tag dann schon oft wie­der eine ganz neue Idee. (lacht) Unse­re Toch­ter hat auch vie­le Ide­en, aber das beginnt erst zu rei­fen. Aber der Haupt­punkt ist: Kin­der soll­ten etwas fin­den, dass zu ihnen passt und nicht das wäh­len, was ihre Eltern unbe­dingt wol­len. Eltern soll­ten ihre Kin­der unter­stüt­zen und mit ihnen über ihre Inter­es­sen und Fähig­kei­ten spre­chen. Und so weiß ich von unse­rer Toch­ter, dass sie eher im sozia­len Bereich arbei­ten möch­te und dass unser Sohn eher etwas mit Natur­wis­sen­schaf­ten oder Jour­na­lis­mus machen möch­te.

Ber­tas Blog: War­um wur­den Sie als Jour­na­list in der DDR ver­haf­tet?

Flo­ri­an Engels: Wie gesagt, ich kom­me aus West­deutsch­land. Nach mei­nem Abitur habe ich 1981 mit mei­ner Freun­din eine Rei­se in die DDR unter­nom­men, um Bekann­te von unse­ren Eltern zu besu­chen. Mein Vater ist in Thü­rin­gen gebo­ren. Die Ver­wandt­schaft mei­ner dama­li­gen Freun­din leb­te in Ost-Ber­lin und an der Ost­see. Wir dach­ten uns, dass das, was uns am nächs­ten ist, näm­lich das ande­re Deutsch­land – die DDR –, ken­nen wir über­haupt nicht. Wir kann­ten Frank­reich, Ita­li­en, Spa­ni­en, Eng­land. Wir waren da über­all schon. Konn­ten die Spra­chen. Kann­ten das Essen. Aber die DDR war ganz weit weg. Das war in West­deutsch­land ein­fach so. Da war die Mau­er dazwi­schen. Nicht aus Unlust, son­dern es war kein The­ma. Wir hat­ten uns gesagt „Wir wol­len ein­fach mal die­ses ande­re Deutsch­land ken­nen­ler­nen und die Ver­wandt­schaft besu­chen“.

Ich war auch damals schon Jour­na­list. Als Jour­na­list kannst du es nicht las­sen, dich mit The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen, die statt­fin­den und die du siehst. Foto­gra­fiert habe ich auch. Ich hat­te nicht wirk­lich vor über die DDR irgend­ei­nen Bericht zu machen, aber ins­ge­heim doch, weil das ein­fach im Blut drin­steckt. Wir sind dort unter­wegs gewe­sen und ich habe ange­fan­gen, ein Tage­buch zu schrei­ben, um das fest­zu­hal­ten, was ich erlebt habe: die bedrü­cken­de Situa­ti­on, die stän­di­ge Kon­trol­le und die Gespal­ten­heit der Men­schen, die sich einer­seits in der Öffent­lich­keit kon­form ver­hiel­ten – auch in der Schu­le – und ande­rer­seits im Pri­va­ten West­fern­se­hen schau­ten, ihre Mei­nung über die DDR und Erich Hon­ecker frei äußer­ten. Das habe ich sehr inten­siv wahr­ge­nom­men. Ich habe auch sehr viel foto­gra­fiert, u. a. Men­schen­schlan­gen vor dem Bäcker oder wo auch immer, die lee­ren Rega­le im HO-Laden, Wach­tür­me an der Ost­see, ver­fal­le­ne Häu­ser, dre­cki­ger Schaum auf den Flüs­sen. Aber tat­säch­lich kri­ti­sche Bil­der waren es viel­leicht 10 Pro­zent von den ins­ge­samt rund 400 Fotos. Es war für mich ein ganz bewe­gen­der Auf­ent­halt. Ich habe sehr viel gelernt und habe die Men­schen unglaub­lich gemocht. Es war wirk­lich eine tol­le Rei­se.

Nach drei Wochen Auf­ent­halt kam ich auf dem Rück­weg an die Gren­ze zwi­schen Thü­rin­gen und Bay­ern. Mei­ne Freun­din war schon drei Tage zuvor plan­mä­ßig mit dem Zug abge­reist. An der Gren­ze wur­de mein Auto kon­trol­liert. Dabei haben sie eine Schreib­ma­schi­ne, zwei Foto­ap­pa­ra­te, ein gro­ßes Tele­ob­jek­tiv, einen Pres­se­aus­weis und mein Tage­buch ent­deckt. In mei­nem Tage­buch hat­te ich nur die ers­ten zwei Tage der Rei­se beschrie­ben, weil mir schnell klar wur­de: „Wenn du wei­ter­schreibst, wird’s gefähr­lich, wenn das jemand liest“. Der Pres­se­aus­weis und die Schreib­ma­schi­ne waren nur dabei, weil ich vor der Rei­se noch einen Ter­min hat­te. Ich wur­de die gan­ze Nacht ver­hört. Par­al­lel wur­den die Fil­me ent­wi­ckelt und die kri­ti­schen Fotos ent­deckt. Auf­grund des­sen und weil sie wuss­ten, dass ich für west­deut­sche Zei­tun­gen arbei­te, haben sie gedacht, dass ich laut §99 des Straf­ge­setz­bu­ches der DDR „Lan­des­ver­rä­te­ri­sche Nach­rich­ten­über­mitt­lung“ began­gen hät­te. In dem Para­graf heißt es: „Wer der Geheim­hal­tung nicht unter­lie­gen­de Nach­rich­ten zum Nach­teil der Inter­es­sen der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik an die im § 97 genann­ten Stel­len oder Per­so­nen über­gibt, für die­se sam­melt oder ihnen zugäng­lich macht, wird mit Frei­heits­stra­fe von zwei bis zu zwölf Jah­ren bestraft.“ Die haben mir das vor­ge­le­sen, aber ich dach­te immer noch, ich kom­me in den nächs­ten zwei Stun­den nach Hau­se, zurück nach Bay­ern, weil ich doch nichts ver­bro­chen hat­te. Ich dach­te: klei­nes Erleb­nis dazwi­schen. Mit einem klei­nen Ver­hör. Die Rei­se ging dann aber nicht nach Hau­se, son­dern in einem klei­nen Gefäng­nis­trans­por­ter nach Ost-Ber­lin, nach Hohen­schön­hau­sen ins Sta­si-Gefäng­nis. Mit Hand­schel­len gefes­selt. Mir war kotz­übel.

Dort wur­de ich dann drei Mona­te lang ver­nom­men, fast jeden Tag, weil sie dach­ten, ich hät­te etwas Schlim­mes ange­stellt – hät­te die­se Infor­ma­tio­nen gesam­melt, um die DDR zu schä­di­gen. Mir als jun­gem Mann, der in West­deutsch­land auf­ge­wach­sen war und wo wir alles durf­ten, war gar nicht klar, dass es über­haupt einen sol­chen Straf­pa­ra­gra­fen geben kann, für den Fall, man „kön­ne“ mit Infor­ma­tio­nen das Anse­hen eines Staa­tes schä­di­gen; sie „viel­leicht“ zu ver­wen­den, wür­de dafür sor­gen bis zu zwölf Jah­re ein­ge­sperrt zu wer­den. Bei mir waren es zum Glück nur drei Mona­te. Aber es gab nie einen Pro­zess. Von einem Tag auf den ande­ren wur­de ich plötz­lich ent­las­sen. Ich wuss­te davon nichts. Ich hat­te kei­ne Vor­ah­nung. Ich woll­te vor Gericht und ver­ur­teilt wer­den. Ich habe gesagt, ich habe Schei­ße gebaut, ich habe die Geset­ze – auch wenn sie schwach­sin­nig sind - nicht beach­tet, dafür wer­de ich bestraft und da muss ich jetzt ein­fach durch. Mir wäre es lie­ber gewe­sen, Klar­heit zu haben, zwei Jah­re in Haft zu sit­zen, als die­se stän­di­ge Unsi­cher­heit wie in der Unter­su­chungs­haft­an­stalt. Die Unsi­cher­heit „Wie lan­ge dau­ert es?“, „Wer kann mir hel­fen?“, „Was pas­siert?“. Und dann kam ich von einem auf den ande­ren Tag plötz­lich frei.

Die­se Lebens­er­fah­rung wur­de für mich sehr wich­tig: zum einen die drei Wochen unter­wegs in der DDR. Mir ist klar, dass man in drei Wochen kein Land ver­ste­hen kann, aber man hat eine Wahr­neh­mung. Und zum ande­ren die­se fürch­ter­li­chen drei Mona­te im DDR-Gefäng­nis. Als ich im Juli 1990 in die DDR zurück­kehr­te und dort zu arbei­ten begann, hat mir die­se Erfah­run­gen gehol­fen, die Wen­de­zeit zu ver­ste­hen, die Dis­kus­si­on um die Staats­si­cher­heit zu ver­ste­hen, die Stol­pe-Dis­kus­si­on zu ver­ste­hen. Und das hat mir gehol­fen, hier in Bran­den­burg, das ich lie­be und schät­ze und das mei­ne Hei­mat ist, Fuß zu fas­sen.

Ber­tas Blog: Wie war es für Sie im Gefäng­nis?

Flo­ri­an Engels: Es waren nur drei Mona­te und im Ver­gleich dazu, was ande­re Men­schen erlei­den, rein gar nichts. Ich wur­de ordent­lich behan­delt, also gegen mich wur­de kei­ne Gewalt aus­ge­übt. Zumin­dest kei­ne kör­per­li­che Gewalt. Psy­chi­sche Gewalt wur­de natür­lich ange­wen­det. Es ist psy­chi­sche Fol­ter in so einem Gefäng­nis zu sit­zen, ohne zu wis­sen, wie es wei­ter­geht. Ver­ur­teilt wegen einem Para­gra­fen, für den man bis zu zwölf Jah­re ins Gefäng­nis kom­men kann. Unvor­stell­bar. Das war der Hor­ror.

Es war auch eine Last, da ich in die­sem Tage­buch zwei Fami­li­en erwähnt hat­te, die der Staats­si­cher­heit als Regime-Kri­ti­ker bekannt waren. Und ich habe vie­le Fotos von Bekann­ten gemacht, die ich besucht habe. Fotos von Men­schen, die gast­freund­lich zu mir und mei­ner Freun­din waren. Sie beka­men dann rich­tig Ärger, weil sie Kon­takt zu einem Staats­ver­rä­ter hat­ten, der ich in den Augen der Staats­si­cher­heit war. Zum Glück ist ihnen nichts rich­tig Schlim­mes pas­siert. Aber sie wur­den von der Sta­si ver­nom­men. Für DDR-Bür­ger war es ech­ter Hor­ror, wenn sie von der Staats­si­cher­heit „zur Klä­rung eines Sach­ver­halts“, wie es damals hieß, ein­be­ru­fen wor­den sind. Das war eine gro­ße Last für mich, auch weil ich wuss­te, irgend­wann kom­me ich wie­der zurück in den Wes­ten. Aber sie muss­ten in der DDR blei­ben.

Es gab jeden Tag das „Neue Deutsch­land“ als Mor­gen­lek­tü­re und „sozia­lis­ti­sche Erbau­ungs­li­te­ra­tur“, also DDR-kon­for­me Lite­ra­tur. Aber ich konn­te es dann irgend­wann nicht mehr lesen, weil ich nur noch dar­über nach­ge­dacht habe, wie kommst du jetzt hier raus. Ich habe mir vor­ge­stellt, wie ich über eine Mau­er sprin­ge. Als Super­man oder sowas. Tota­ler Schwach­sinn. Aber du beginnst, wirk­lich durch­zu­dre­hen. Man läuft nur noch auf und ab. Zeit­wei­se war ich in einer Ein­zel­zel­le. Wenn du zwei Wochen in einer Ein­zel­zel­le bist, ist das schon beschis­sen, wenn du nicht weißt, was mit dir pas­siert: Du wirst zwei Wochen lang nicht ver­nom­men, hast also kei­ne Kon­tak­te. Aber ich woll­te end­lich Klar­heit. Ich habe im Kopf gerech­net: 12 Jah­re mal 365 Tage, wie­viel Pro­zent ist dann ein Tag. Und wie rech­ne ich Schalt­jah­re mit ein. Das hat zumin­dest abge­lenkt. Ich habe auch mei­ne Nägel total abge­kaut. Der Ver­neh­mer – er war ein wider­li­cher Kerl – hat mich dann immer, wenn er gese­hen hat, dass mei­ne Nägel geblu­tet haben, gefragt „Was ist denn mit Ihren Nägeln los?“. So rich­tig mit einem fie­sen Gesichts­aus­druck – genau wis­send, dass er der­je­ni­ge ist, der mich hier quält durch sei­ne Ver­neh­mung.

Also es war eine furcht­ba­re Zeit, auch für mei­ne Eltern. Auch sie hat­ten schlaf­lo­se Näch­te. Aber im Nach­hin­ein eine für mich wich­ti­ge Zeit – auch um die DDR zu ver­ste­hen. Ich wün­sche es nie­man­den. Aber im Ver­gleich zu dem, was die erleb­ten, die für zwölf Jah­re in Baut­zen saßen, oder zu jenen, die jetzt in der Tür­kei im Gefäng­nis sit­zen oder wo auch immer und kei­ne Hil­fe erwar­ten kön­nen, war das nichts.

Ber­tas Blog: Wie war das Gefühl wie­der frei­zu­kom­men?

Flo­ri­an Engels: Ich bin zusam­men­ge­bro­chen.

Ich saß bei den Ver­neh­mun­gen immer an einem Tisch und hat­te zwei Ver­neh­mer: einen „bösen“ – Haupt­mann Türk –, der mir immer gegen­über­saß, und einen „guten“ – Major Eberl. Ob die Namen damals gestimmt haben, wuss­te ich nicht. Inzwi­schen weiß ich es. Türk war immer der „har­te“ Jun­ge. Gele­gent­lich kam Eberl – sehr ordent­lich geklei­det, sehr smart, ein biss­chen braun gebrannt; er war der „wei­che“. So haben sie sich abge­wech­selt, um irgend­was von mir her­aus­zu­fin­den. Es gab aber nichts her­aus­zu­fin­den. Sie haben immer gedacht, ich wäre beauf­tragt wor­den – vom Bun­des­nach­rich­ten­dienst, vom „Stern“, vom „Spie­gel“. Für die Zei­tun­gen hat­te ich damals manch­mal gear­bei­tet. Sie dach­ten, ich hät­te den Auf­trag bekom­men, die­se Bil­der zu machen und die­ses Tage­buch zu schrei­ben. Das war aber nicht der Fall.

An einem Frei­tag­mor­gen. Im Dezem­ber. Türk hat­te einen Blei­stift und einen Zet­tel bei sich – akku­rat vor sich hin­ge­legt. Und da habe ich gefragt: „Wie­so heu­te nur ein Zet­tel und einen Blei­stift? Heu­te nichts los?“. Dann kam der smar­te Eberl her­ein. Er hat sich an den Tisch gesetzt und auf ein Kalen­der­bild geschaut: Thü­rin­gen im Win­ter. Schnee. Ber­ge. Sah fast aus wie in Bay­ern. Und dann hat er mich ein biss­chen auf die Fol­ter gespannt. Er hat zu mir gesagt – und es läuft mir jetzt noch ein Schau­er hin­un­ter –: „Herr Engels, wir haben ent­schie­den“, er sto­cke etwas, „dass Sie heu­te frei­kom­men“. So in etwa hat er es zu mir gesagt. Oder in irgend­ei­ner ande­ren per­fi­den For­mu­lie­rung, um sei­ne Macht zu demons­trie­ren. Ich weiß es nicht mehr so genau. Und dann habe ich natür­lich ange­fan­gen zu heu­len, habe mich dann aber rela­tiv schnell wie­der gefasst. Ich dach­te, ich wür­de nun zum Check­point Char­lie gebracht wer­den oder selbst mit mei­nem Auto fah­ren dür­fen. Ich war in Ost-Ber­lin, ein paar Stra­ßen­bahn-Sta­tio­nen bis West-Ber­lin zum Haupt­bahn­hof. Es kam jedoch anders.

Sie haben alle mei­ne Sachen zusam­men­ge­packt und mir eine schwar­ze Bin­de um die Augen gebun­den, die offen­sicht­lich schon oft benutzt wor­den war, denn sie hat­te klei­ne Öff­nun­gen und ich konn­te ein biss­chen sehen. Es war ein grau­er Tag. In einer Tief­ga­ra­ge kam ich in einen klei­nen „Lada“. Rechts und links von mir saßen noch zwei Leu­te, vor­ne saßen auch zwei. Also vier Mann zur Bewa­chung. Und dann dreh­te ich mich um und sah durch die win­zi­gen Schlit­ze in der Augen­bin­de, dass mein eige­nes Auto – mein „R 16“ – mit drei Män­nern hin­ter uns her­fuhr. Ich dach­te nun, sie wür­den mich zum Check­point Char­lie brin­gen. Aber wir sind außen um Ber­lin her­um­ge­fah­ren. Also dach­te ich, wir fah­ren von Süden wie­der nach West-Ber­lin rein. Wir sind aber wei­ter­ge­fah­ren. Auf der A2 Rich­tung Han­no­ver, nahm ich an. Was die kür­zes­te Stre­cke nach West­deutsch­land gewe­sen wäre. Aber die fuh­ren wir auch nicht. Wir fuh­ren – inzwi­schen durf­te ich mei­ne Mas­ke abneh­men – auf der A9 Rich­tung Bay­ern, sind dann noch­mal abge­bo­gen – an Erfurt vor­bei – und zu einem DDR-Grenz­über­gang gefah­ren. Stark bewacht. Nor­ma­ler­wei­se wäre man dort nicht durch­ge­kom­men.

Ganz kurz vor der Gren­ze fuhr der „Lada“ auf einen klei­nen Feld­weg. Ich muss­te aus­stei­gen und mich in mein Auto set­zen. Auf den Fah­rer­sitz sprang plötz­lich ein ande­rer Mann und sag­te zu mir: „Rüber set­zen. Bei­fah­rer“. Ich wuss­te nicht, was geschieht. Wir waren noch auf der DDR-Sei­te. Der Fah­rer gab plötz­lich Voll­gas und ras­te über die Gren­ze. Über die Gren­ze, die mit Schuss­waf­fen bewacht wur­de, wo alles aus­ge­leuch­tet war. Und dann waren wir drü­ben im Wes­ten. Mit­ten in der Nacht und ganz neb­lig. Ich wuss­te nicht, was mir geschieht. Er stieg aus, sag­te zu mir „Alles Gute“ und ver­schwand wie er gekom­men war. Ich saß da nun in mei­nem Auto und dach­te „Was ist jetzt los?“. Und plötz­lich ruft jemand „Muck“, mei­nen Spitz­na­men. Ich dach­te, ich spin­ne jetzt total. Es war mein Vater. Er kam aus der Dun­kel­heit in so ein Peit­schen­leuch­ten-Licht. In einem wei­ßen Man­tel und mit einer Akten­ta­sche unterm Arm. Er wur­de von west­deut­schen Behör­den infor­miert, dass ich an die­sem Tag an der Gren­ze auf­tau­chen wür­de. Und das heißt auf gut Deutsch, dass auf die­sem Feld­weg immer Gefan­ge­nen­aus­tau­sche statt­ge­fun­den haben. Ich bin dann mit mei­nem Vater zurück nach Bay­ern gefah­ren. – Es war eine tol­le Fahrt. Die schöns­te Auto­fahrt unse­res Lebens. Mit den schöns­ten Gesprä­chen. (Die Erin­ne­run­gen haben Herrn Engels sehr ergrif­fen.)

Ich bin mir auch ziem­lich sicher – habe es aber nie aus mei­nen Unter­la­gen her­aus­ge­fun­den –, dass im Hin­ter­grund poli­tisch gear­bei­tet wur­de, um mich da her­aus­zu­be­kom­men. Mein Anwalt war Wolf­gang Vogel. Das war der Star-Anwalt der DDR. Und er hat dafür gesorgt, dass vie­le, die aus West­deutsch­land kom­men und in einem DDR-Gefäng­nis sit­zen, über einen rela­tiv kur­zen Weg wie­der nach West­deutsch­land zurück­kom­men. Aller­dings muss­te dafür Geld gezahlt wer­den. Es gab einen Durch­schnitts­preis pro Per­son von – soweit ich mich erin­ne­re – 30.000 DM. Das war die Frei­kauf­sum­me für Gefan­ge­ne. Ob ich dabei war, weiß ich nicht. Ich habe mir mei­ne dicke Sta­si-und Ver­neh­mungs­ak­te ange­schaut, aber zum Grund mei­ner Ent­las­sung gibt es kei­ne Notiz. Die vie­len Fotos sind bis heu­te noch nicht wie­der auf­ge­taucht. Ich hät­te sie sehr ger­ne zurück.

Ber­tas Blog: Inwie­fern hat Sie die­se Erfah­rung in Ihrem Beruf geprägt?

Flo­ri­an Engels: Ganz klar: Man muss wis­sen, wel­che Geset­ze in den Län­dern gel­ten, in die man reist. Wir jun­gen Men­schen in West­deutsch­land dach­ten immer, dass alles über­all so locker gehen wür­de wie bei uns. Wir haben die Qua­li­tät der gro­ßen Frei­heit und star­ken Demo­kra­tie für selbst­ver­ständ­lich genom­men ohne zu erken­nen, welch gro­ßer Wert das ist und dass man dar­um kämp­fen muss. Das muss uns auch heu­te, auch Euch, bewusst sein. Zurück zum Beruf: Man muss Respekt haben vor den Men­schen, mit denen man spricht – als Jour­na­list oder als Foto­graf. Man muss Rück­sicht neh­men auf ihr Recht am eige­nen Bild. Denn ich habe in der DDR ein­fach Leu­te foto­gra­fiert und über sie geschrie­ben. Ich hat­te auch dar­über nach­ge­dacht, die Bil­der zu ver­öf­fent­li­chen, weil sie mir ganz gut gelun­gen waren. Aber die Men­schen haben das Recht auf ihr eige­nes Bild. Das spielt zum Bei­spiel beim The­ma „Face­book“ eine ganz gro­ße Rol­le. Auch Ihr müsst an die geschütz­te Pri­vat­sphä­re den­ken, wenn Ihr etwas pos­tet.

Also Respekt. Etwas Demut. Ich glau­be, ich war ein ziem­lich fre­cher Rotz­löf­fel gewe­sen und habe gedacht, die Welt gehö­re mir. Weil ich als jun­ger Mann eben schon Geld ver­dient habe und ganz gut im Jour­na­lis­mus unter­wegs war. Da denkt man so, man kann alles. Ich habe gelernt, dass es Gren­zen gibt. Das war auch gut so. Und für den Beruf: genau zu recher­chie­ren, genau zuzu­hö­ren und nicht schnell Paro­len anheim­zu­fal­len, son­dern genau nach­zu­schau­en. Und als Regie­rungs­spre­cher von Bran­den­burg, auf dem Gebiet der frü­he­ren DDR, ist es für mich wich­tig, das Land und die Men­schen zu ver­ste­hen. Jeder hat eine Ver­gan­gen­heit und dar­auf ist zu ach­ten. Mei­ne Zeit in der DDR war und ist dafür für mich ver­dammt wich­tig.

 

Mor­gen folgt die Fort­set­zung des Inter­views.

 

Das Inter­view wur­de von Caro Hein­zig, Vivi­an Heß­lich, Anna Krautz, Leni-Sophie Kurz­hals, Lau­ri­ne Mer­both, Paul Rich­ter, Nel­ly Roß­mann, Timo Stan­zel, Lisa Vogel und Leon Wie­sch­nath durch­ge­führt. Das Inter­view wur­de redi­giert und an der einen oder ande­ren Stel­le gekürzt.


Schreibe einen Kommentar