„Florian, nimm die Brille ab.“ - Interview mit Florian Engels (Teil 3)

Zum The­ma „Bil­dung” haben wir Flo­ri­an Engels auch ver­schie­de­ne Fra­gen gestellt, z. B. ob sich die Bil­dung in Bay­ern von der Bil­dung in Bran­den­burg unter­schei­det. Und wie sieht er die Schu­len in 100 Jah­ren? Lest selbst.

Ber­tas Blog: Wie hat sich Ihrer Mei­nung nach die Bil­dung im Ver­gleich zu frü­her ver­än­dert?

Flo­ri­an Engels: Was heißt frü­her?

Ber­tas Blog: Im Ver­gleich zu Ihrer Kind­heit.

Flo­ri­an Engels: Dar­über habe ich durch Zufall heu­te Mor­gen nach­ge­dacht. Als die Leh­re­rin in mei­ner Grund­schu­le den Klas­sen­raum betrat, muss­ten wir alle auf­ste­hen. „Guten Mor­gen, Frau Leh­re­rin.“ Das war spä­ter natür­lich ganz anders.

Da ich heu­te nicht mehr Schü­ler bin, kann es nicht wirk­lich beur­tei­len. Von mei­nem Ein­druck her ist es so, dass die Schü­ler mög­li­cher­wei­se durch die sozia­len Medi­en sehr stark abge­lenkt sind. Aber eigent­lich sind es wohl kei­ne gro­ßen Unter­schie­de: Schü­ler fin­den Schu­le toll oder doof – auch abhän­gig von den Leh­rern. Man­che fin­det man groß­ar­tig, man­che weni­ger. Es ist immer ent­schei­dend, wie Leh­rer ein The­ma prä­sen­tie­ren und Schü­ler begeis­tern kön­nen. Dann kann man auch rich­tig Lust auf die Schu­le haben. Das war zu mei­ner Zeit nicht anders. Zum Bei­spiel hat­te ich ab der 11. Klas­se einen groß­ar­ti­gen Deutsch­leh­rer, der mei­nen Lebens­lauf und mei­ne Inter­es­sen ent­schei­dend und posi­tiv beein­flusst hat. In der Mit­tel­stu­fe hat­te ich Mathe­leh­rer, da woll­te ich nur davon lau­fen. Einer hat im Unter­richt gesagt: „Flo­ri­an, nimm die Bril­le ab“ und hat mir eine run­ter­ge­hau­en. Wahr­schein­lich war ich zu frech.

Auto­ri­tät hat sich frü­her viel­leicht stär­ker als heu­te durch­ge­setzt. Aber das kann ich auch nicht wirk­lich beur­tei­len. Heu­te bekla­gen sich Eltern, in der Schu­le gehe es zu wie bei „Hem­pels unterm Sofa“, kei­ner wür­de zuhö­ren und die Kin­der wür­den nur mit ihren Smart­pho­nes spie­len. Ich erin­ne­re mich – und das tut mir im Nach­hin­ein wirk­lich leid –, dass wir man­che Leh­rer echt fer­tig­ge­macht haben. Ich weiß nicht, ob eini­ge unse­rer Refe­ren­da­re danach noch Leh­rer gewor­den sind. Und wenn man­che Leu­te heu­te behaup­ten, Kin­der hät­ten kein Beneh­men mehr, weiß ich genau, dass wir uns damals manch­mal auch total schlecht benom­men haben. Im Übri­gen habe ich etwas gegen Pau­schal­ur­tei­le.

Mit Blick auf die sozia­len Medi­en glau­be ich schon, dass Jugend­li­che sie zu inten­siv benut­zen und bis abends an ihren Gerä­ten hän­gen. Und damit geht Zeit zum Ler­nen ver­lo­ren – auch Zeit, um Bücher zu lesen und Zeit mit der Fami­lie. Ich bin mir auch sicher, wenn man ver­sucht, z. B. Voka­beln zu ler­nen, und dabei immer auf das Han­dy schielt („Wann ruft mei­ne Freun­din an?“, „Bin ich auf die Par­ty ein­ge­la­den, ja oder nein?“), dass das sehr davon ablenkt. Wäh­rend der Lern­zeit soll­te das Han­dy weg­ge­legt wer­den, um sich bes­ser kon­zen­trie­ren zu kön­nen.

Ber­tas Blog: Was hal­ten Sie von der Bil­dung in Bran­den­burg?

Flo­ri­an Engels: Es ist her­vor­ra­gend; das bes­te welt­weit. Die Leh­rer und Direk­to­ren könn­ten nicht bes­ser sein. (lacht) Ich habe andert­halb Jah­re mit Gün­ter Baas­ke im Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um zusam­men­ge­ar­bei­tet. Eigent­lich woll­te ich nie ins Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um. „Das ist nur Ärger. Jeder hat sei­ne eige­ne Idee von Bil­dung. Die Eltern wis­sen alles bes­ser als die Leh­rer; die Kin­der sowie­so und die Jour­na­lis­ten eben­falls, die zudem glau­ben, die Regie­rung mache alles falsch“, dach­te ich. Ich hat­te kei­ne Lust dar­auf. Im Nach­hin­ein war es jedoch eine mei­ner schöns­ten Zei­ten in einem Minis­te­ri­um, weil das The­ma Bil­dung so nah war und man ganz kon­kret etwas errei­chen konn­te. Manch­mal haben Schu­len direkt bei mir ange­ru­fen und um Unter­stüt­zung für Pro­jek­te o. Ä. gebe­ten. Und das war dann rich­tig schön; oder, wenn ich im Klei­nen über Gesprä­che zu etwas bei­tra­gen konn­te, z. B. dass das Gym­na­si­um in der Klein­stadt Treu­en­briet­zen erhal­ten geblie­ben ist. Ich habe auch ger­ne direkt mit Schü­lern zusam­men­ge­ar­bei­tet und mich gefreut, wenn sich enga­gier­te Schü­ler bei mir mel­de­ten und sich kri­tisch zur Arbeit des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums geäu­ßert haben. Nur dadurch kann man auch etwas ler­nen.

Und kon­kret zur Fra­ge: Als in den ers­ten Jah­ren des Bran­den­bur­ger Bil­dungs­sys­tems – Anfang der 1990er Jah­re – gesagt wur­de, alles müs­se neu und anders wer­den, war das für vie­le DDR-Bür­ger ein Pro­blem. Es kamen eini­ge Mit­ar­bei­ter ins Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um, die irre Ide­en hat­ten, aber die wahn­sin­nig schwer umsetz­bar waren. Und ich glau­be, da gab es dann Brü­che, die lan­ge an den Leh­rern genagt haben. Es kamen immer wie­der neue Ver­än­de­run­gen und Refor­men, die zu Ärger an den Schu­len führ­ten. Ich bin eher dafür, sich län­ger mit etwas zu beschäf­ti­gen, als jeden Tag eine neue Idee durchs Dorf zu jagen. Bil­dungs­po­li­tik benö­tigt Kon­ti­nui­tät, auch wenn man sich immer wie­der auf Neu­es ein­stel­len muss, wie z. B. auf die Benut­zung von Smart­pho­nes und White­boards oder auf den neu­en Rah­men­lehr­plan in der Schu­le. Auch Schü­ler- und Eltern­mit­be­stim­mung ist wich­tig, aber man darf es nicht über­trei­ben. Ich war selbst Eltern­spre­cher und habe dann ver­sucht, den Eltern deut­lich zu machen: Es macht wenig Sinn, wenn ihr täg­lich vor der Klas­se steht, die Leh­rer bela­bert und sagt, euer Kind wür­de unge­recht behan­delt wer­den.

Ber­tas Blog: Gibt es Ihrer Mei­nung nach gro­ße Unter­schie­de in der Bil­dung zwi­schen Bran­den­burg und Bay­ern? War­um?

Flo­ri­an Engels: In Bay­ern, Sach­sen und Thü­rin­gen sind die Ergeb­nis­se bei den PISA-Stu­di­en, bei den Grund­schul-Tests und beim Abitur immer sehr gut. Das fin­de ich echt span­nend. Ich glau­be, in deren Bil­dungs­po­li­tik ist mög­li­cher­wei­se mehr Kon­ti­nui­tät drin. Viel­leicht gibt es dort auch eine stär­ke­re Tren­nung von bes­se­ren und weni­ger guten Schü­lern. Viel­leicht gibt es dort eine straf­fe­re Orga­ni­sa­ti­on. Viel­leicht wur­den in Bran­den­burg Anfang der 1990er Jah­re Feh­ler gemacht. Aber das ist nur mei­ne Spe­ku­la­ti­on. Das kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len. Ich weiß aller­dings, dass in Bay­ern bei die­sen Tests zwar gute Ergeb­nis­se raus­kom­men, aber dass das Bun­des­land kei­ne ech­te Durch­läs­sig­keit zwi­schen den Schul­ty­pen kennt, also z. B. zwi­schen Gym­na­si­um und Ober­schu­le. In Bran­den­burg ist das anders und hilft ganz vie­len Schü­lern. In Bay­ern haben dann vie­le gar nicht die Chan­cen, bestimm­te Bil­dungs­we­ge zu gehen. Im Alter von zehn Jah­ren wird dort schon über dein Leben ent­schie­den: Abitur – ja oder nein? Die Toch­ter einer Freun­din, die in Bay­ern zur Schu­le gegan­gen ist, hat die­sen Druck nicht aus­ge­hal­ten – wie vie­le ande­re Kin­der auch nicht. In Bran­den­burg ist das Bil­dungs­sys­tem deut­lich libe­ra­ler und es gibt mehr Jugend­li­chen auch eine Chan­ce. Aber wir müs­sen in man­chen Sachen noch bes­ser wer­den. Völ­lig klar. Und: Abitur allein ist nicht selig­ma­chend. Es gibt auch ganz groß­ar­ti­ge Berufs­mög­lich­kei­ten über eine Leh­re.

Ber­tas Blog: Wür­den Sie lie­ber mehr Schu­len bau­en las­sen oder mehr Arbeits­plät­ze schaf­fen?

Flo­ri­an Engels: Bei­des. Ich wür­de ger­ne mehr Schu­len bau­en, um dadurch mehr Arbeits­plät­ze zu schaf­fen. (lacht) Wir brau­chen dazu Bau­ar­bei­ter, Klemp­ner, Flie­sen­le­ger. Und wenn die Räu­me da sind, kön­nen wir Leh­rer ein­stel­len. Apro­pos Leh­rer: Wir hät­ten ger­ne mehr Leh­rer in Bran­den­burg. Der­zeit sind es etwa 20.000, viel mehr als noch vor zwei Jah­ren. Aber wir stel­len wei­te­re Leh­rer ein. Es kann ein groß­ar­ti­ger, erfül­len­der Beruf sein. Bran­den­burg hat übri­gens bun­des­weit mit die meis­ten Leh­rer pro Schü­ler, also eine gute Schü­ler-Leh­rer-Rela­ti­on.

Ber­tas Blog: Wie sehen Sie die Schu­len in 100 Jah­ren?

Flo­ri­an Engels: Es wird sicher viel digi­tal sein und viel außer­halb der Schu­le statt­fin­den. Durch die Mög­lich­kei­ten der digi­ta­len Welt, die wir uns heu­te noch gar nicht vor­stel­len kön­nen. Ich hät­te mir vor 45 Jah­ren nicht vor­stel­len kön­nen, dass es mal Smart­pho­nes geben wür­de. Des­we­gen kann ich mir auch ehr­lich gesagt nur schwer vor­stel­len, was in den nächs­ten 50 Jah­ren in den Schu­len pas­sie­ren wird. All­ge­mein wür­de ich mir wün­schen: eine fried­li­che Welt, eine sau­be­re Umwelt, die Abschaf­fung der Kin­der­ar­beit, Elek­tro­au­tos, Strom aus einem Per­pe­tu­um mobi­le oder durch Son­nen­en­er­gie. Und es lohnt sich, dafür zu kämp­fen. Des­halb mei­ne Bit­te an jun­ge Men­schen: Betei­ligt Euch am Gemein­we­sen, infor­miert Euch, arbei­tet mit für eine bes­se­re Welt. Hal­tet es mit der Band „Die Ärz­te“: „Du kannst nichts dafür, wie die Welt ist. Aber Du kannst etwas dafür, wenn sie bleibt, wie sie ist“. Und es ist Auf­ga­be von Bil­dung und Schu­le, jun­ge Men­schen dazu anzu­re­gen.

 

Mor­gen folgt der vier­te und letz­te Teil des Inter­views.

 

Das Inter­view wur­de von Caro Hein­zig, Vivi­an Heß­lich, Anna Krautz, Leni-Sophie Kurz­hals, Lau­ri­ne Mer­both, Paul Rich­ter, Nel­ly Roß­mann, Timo Stan­zel, Lisa Vogel und Leon Wie­sch­nath durch­ge­führt. Das Inter­view wur­de redi­giert und an der einen oder ande­ren Stel­le gekürzt.


Schreibe einen Kommentar