Karma

Ich weiß es noch wie heu­te – ein Tag wie jeder ande­re. Da beschloss ich etwas zu ver­än­dern. Von der Küche auf dem Weg zur Arbeit, über Stein und Sand mit dem Rad. Bei Schmidts Bücher­hand­lung ange­kom­men, die Arbeits­schür­ze über­ge­wor­fen, beob­ach­te ich, wie die Leu­te ein- und aus­ge­hen. Mit oder ohne neu­en Büchern. Die Tür­klin­gel läu­tet, an sich nichts Neu­es. Mein Kopf hebt sich und blickt in das wohl mar­kan­tes­te Gesicht, das ich je gese­hen habe. Schwar­ze locki­ge Haa­re fal­len über sei­ne dun­kel­grü­nen Augen. Total ver­ges­sen, dass ich eigent­lich arbei­ten müss­te, fol­ge ich dem mys­te­riö­sen Mann in die hin­ters­te Ecke, wo sich die Lek­tü­ren über Sozio­lo­gie befin­den. Etwas ver­wirrt begin­ne ich die Rega­le hin­ter ihm zu befül­len, wobei mehr als drei Bücher nicht dabei waren. Der Unbe­kann­te ist unge­fähr 30 cm grö­ßer als ich, was mit mei­nen 1,60 m nicht schwer ist. Mit dem Buch in der Hand ver­lässt er mich schon rela­tiv schnell wie­der, auf dem Weg zur Kas­se. Mein Chef ruft aus dem Lager, dass ich bit­te schnell die Kas­se über­neh­men soll. Mit lang­sa­men Schrit­ten bewe­ge ich mich. Ich begrü­ße den gro­ßen Mann kurz, neh­me ihm das Buch aus der Hand und zie­he es über den Scan­ner. Heu­te wird der Tag sein! Heu­te wer­de ich es schaf­fen, end­lich über mei­nen Schat­ten zu sprin­gen und mich zu ändern…

„Hal­lo „, sage ich vol­ler Eupho­rie. Ein kur­zes Lächeln bekom­me ich zurück sowie das Geld. Ohne eine direk­te Ant­wort, nur mit dem Wech­sel­geld in der Hand, ver­lässt er den Laden. Das war wohl ein Schuss in den Ofen. Mit hän­gen­den Schul­tern bege­be ich mich wie­der in die hin­ters­te Ecke, um die rest­li­chen neu­en Bücher ein­zu­sor­tie­ren. Von Hor­ror bis Fan­ta­sie und neu­en Duden ist alles dabei. Die Zeit ver­geht, die Bücher­sta­pel wer­den klei­ner und in genau 30 Minu­ten habe ich mei­nen ersehn­ten Fei­er­abend. End­lich! Die nächs­ten drei Tage habe ich Urlaub, ein Hoch an die Über­stun­den, die ich fast täg­lich mache. Ohne wei­te­re Zwi­schen­fäl­le ver­las­se ich nach einem kur­zen Abschied das Geschäft, schwin­ge mich auf mein Rad und fah­re geschmei­dig den 10-Minu­ten-Weg nach Hau­se. An der letz­ten Ampel jedoch fährt irgend so ein hirn­lo­ser Mensch bei Rot ein­fach über die Kreu­zung. Fast über­fah­ren und mit hohem Herz­ra­sen stei­ge ich von mei­nem Rad ab und gucke durch die Fens­ter­schei­be des Autos. Dun­kel­grü­ne Augen star­ren mich ent­geis­tert an. Wenn das nicht Kar­ma ist…

 

Jes­si­ca Lat­ze

 

Bild: Pixabay.com.

 

Der Bei­trag ist anläss­lich des 90. Geburts­ta­ges der Fors­ter „Jahn­schu­le“ im Rah­men der Pro­jekt­wo­che am Gym­na­si­um ent­stan­den.