NakedIsNormal - Ja, aber...

Ich gebe ganz offen zu, dass ich wohl nicht weni­ger über­rascht war als der Rest der (männ­li­chen) Welt­be­völ­ke­rung, als der Play­boy bekannt gab, nun kei­ne Nackt­bil­der mehr zei­gen zu wol­le. All­zu lan­ge haben sie das jedoch nicht durch­ge­hal­ten, denn nun wur­de ein erneu­ter Kurs­wech­sel ver­kün­det: Ab die­sem März gibt es wie­der nack­te Frau­en zu sehen. End­lich, wie die einen mei­nen, ein Schritt in die voll­kom­men fal­sche Rich­tung, die ande­ren.

Noch viel bemer­kens­wer­ter als die blo­ße Tat­sa­che, dass man sich erst dazu ent­schließt, nicht län­ger auf stump­fe Nackt­heit zu set­zen und sich selbst­kri­tisch hin­ter­fragt, das dann jedoch nach nicht mal einem Jahr wie­der auf­gibt, fand ich jedoch die Begrün­dung.

„NakedIs­Nor­mal“ heißt nun die Devi­se. Und prin­zi­pi­ell haben sie damit auch voll­kom­men recht. Noch immer tobt unter Psy­cho­lo­gen, Phi­lo­so­phen, Onto­lo­gen, Sozio­lo­gen und wer auch immer sich da noch mit ein­mischt ein sehr erbit­ter­ter Kampf um die Fra­ge, ob etwa ein Gefühl wie Scham aner­zo­gen ist. Und mitt­ler­wei­le ist man sich recht sicher damit, dass wir Men­schen nicht von Natur aus Scham emp­fin­den, son­dern es uns von der Gesell­schaft „bei­ge­bracht“ wird. Span­nen­der­wei­se ist man sich übri­gens auch siche­re, dass selbst Klein­kin­der instink­tiv über einen Sinn für Gerech­tig­keit ver­fü­gen, aber das ist The­ma für einen ande­ren Arti­kel.

Naked ist also nor­mal. Ja, aber…

Denn prin­zi­pi­ell hat der Play­boy damit durch­aus recht, aber nur dann, wenn er sich auch selbst ein­ge­steht, dass das, was dort gezeigt wird, auch nur ein sehr klei­ner und idea­li­sier­ter Aus­schnitt des Spek­trums an Frau­en ist, die es nun ein­mal auf unse­rem Pla­ne­ten gibt. Und nicht alle haben 90-60-90. Und das ist auch gut so. Aber in sei­ner jet­zi­gen Form hat der Play­boy nicht wirk­lich viel mit „nor­mal” zutun. Mit „nude” nun wie­der, ja, aber nicht mit „nor­mal”.

Es hat schon eine gewis­se Iro­nie, dass eine Aus­sa­ge wie „Pro­sti­tu­ti­on ist nor­mal” oder „sich nackt für Geld zei­gen ist nor­mal” streng genom­men belast­ba­rer und weni­ger kri­ti­sier­bar wären als „nude­is­nor­mal”, denn die­ses Ver­hal­ten ist bei Tie­ren wie Pin­gui­nen oder Schim­pan­sen sehr gut erforscht und bekannt. Aber dar­an, dass der Play­boy eben sol­che Sprü­che nicht als neu­en Slo­gan gewählt hat und auch ich eine wei­le inne gehal­ten und über­legt habe, ob ich das hier über­haupt schrei­ben kann/soll/darf/möchte zeigt sich, dass das, was wir unter „nor­mal” ver­ste­hen eben nicht 1:1 aus der Natur über­nom­men wer­den kann, son­dern auch immer stark geprägt ist von Kul­tur und Zeit­geist.

Und genau da sehe ich eine gro­ße Gefahr, denn wen Men­schen anfan­gen zu glau­ben, dass das, was sie da sehen nor­mal ist, nun­ja, dann hat unse­re Gesell­schaft irgend­wann ein ziem­li­ches Pro­blem.

Wobei ich mir gar nicht so sicher bin, ob es das nicht bereits hat. Aber nicht auf der männ­li­chen, son­dern viel­mehr auf der weib­li­chen Sei­te unse­rer Bevöl­ke­rung.

In Ber­lin zog unlängst fol­gen­des Pla­kat den Unmut von Pas­san­ten auf sich:

 

Span­nen­der dabei sind eher die drei Zei­len in der unte­ren Hälf­te. Denn sie brin­gen genau jene Ver­un­si­che­rung und Ver­zer­rung der Rea­li­tät zum Aus­druck, die unter ande­rem durch eine „NakedIs­Nor­mal” des Play­boy vor­an­ge­trie­ben wird. Auch wenn man dem Play­boy natür­lich zuge­ste­hen muss, dass er die­sen Slo­gan nicht erfun­den hat. Das wäre ja auch noch schö­ner.

Blie­be abschie­ßend noch die Fra­ge zu klä­ren, ob ich, als jun­ger Mann, über­haupt über ein The­ma wie Sexis­mus schrei­ben darf/sollte/(muss?), denn das ist eine Kri­tik, der sich männ­li­che Per­so­nen immer wie­der aus­ge­setzt sehen, gera­de, wenn es um ver­meint­lich exklu­siv weib­li­che The­men geht.

Kann ich nach­voll­zie­hen wie es ist, sexu­ell dis­kri­mi­niert zu wer­den? Nein

Aber soll­te mich das von dem Ver­such abhal­ten, zumin­dest zu ver­su­chen, mich in eine sol­che Situa­ti­on hin­ein­zu­ver­set­zen?

Nach die­sem Argu­ment dürf­te ich sonst auch nicht über Ras­sis­mus urtei­len, weil ich nie des­sen Opfer gewor­den bin, nicht über Men­schen­han­del oder Kin­des­miss­brauch.

Aber ich mache es trotz­dem. Nicht aus mei­ner per­sön­li­chen Erfah­rung, son­dern aus dem her­aus, was mir mein gesun­der Men­schen­ver­stand und mei­ne Empa­thie sagen. Und ich fin­de, das ist wich­tig. Es ist wich­tig, weil es mir manch­mal erlaubt, die nöti­ge Distanz zu eini­gen Din­gen zu haben, aber gleich­zei­tig auch die Ent­schlos­sen­heit, dass wenn ich mich für oder eggen etwas enset­ze, ich das nicht nur machen, weil ich einem bestimm­ten Geschlecht oder einer Grup­pe ange­hä­re, son­dern weil ich es rich­tig und wich­tig fin­de, dazu Stel­lung zu bezie­hen. So wie hier.

 

 

JB

 

Quel­le Titel­bild: BBC

Quel­le Bei­trags­bild: BZ


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