Sei kein Arschloch! - Pauline Kling

Twit­ter ist voll damit und auch You­Tube-Wer­bung bleibt nicht davon ver­schont: „13 Rea­sons Why”, die neue Net­flix-Serie, zu deutsch „Tote Mäd­chen Lügen nicht”.

(Ach­tung: Trig­ger-War­nung für Depres­sio­nen, SVV, Ess­stö­run­gen und Sui­zid)

Für alle die, wel­che die Serie oder das Buch nicht ken­nen, hier eine schnel­le Zusam­men­fas­sung: „Als Clay aus der Schu­le kommt, fin­det er ein Päck­chen mit 13 Kas­set­ten vor. Er legt die ers­te in einen alten Kas­set­ten­re­kor­der, drückt auf ‚Play’ - und hört die Stim­me von Han­nah Baker. Han­nah, sei­ne ehe­ma­li­ge Mit­schü­le­rin. Han­nah, für die er heim­lich schwärm­te. Han­nah, die sich vor zwei Wochen umge­bracht hat. Mit Han­nahs Stim­me im Ohr wan­dert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem sto­cken. 13 Grün­de haben zu ihrem Selbst­mord geführt, 13 Per­so­nen haben ihren Anteil dar­an.” So weit der Klap­pen­text des Buches.

Ich habe vor eini­gen Jah­ren das Buch gele­sen und fand es durch­aus sehr gut, den­noch kos­te­te es mich an vie­len Stel­len eini­ges an Über­win­dung, wei­ter zu lesen. Des­halb habe ich lan­ge mit mir gerun­gen, ob ich die Serie gucken soll­te oder nicht, ent­schied mich aber letzt­end­lich dafür, nicht zuletzt, weil mich inter­es­sier­te, wie es umge­setzt wor­den war.

Ich könn­te jetzt damit anfan­gen, wie sehr es mich auf­ge­regt hat, dass Clay im Buch alle Kas­set­ten in einer Nacht durch­ge­hört hat, in der Serie aber Wochen braucht; oder dass ich mich bis heu­te Fra­ge, ob es nötig war eine solch dra­ma­ti­sche High-School-Soap rund­her­um zu dich­ten. Aber dar­um soll es jetzt nicht gehen.

Bei 75% der Din­ge, die man im Inter­net über die Serie ließt, han­delt es sich um Kom­men­ta­re, die sich dar­über auf­re­gen, wie ego­is­tisch, selbst­be­zo­gen und arro­gant Han­nah sei. Dass die Grün­de für ihren Selbst­mord lächer­lich und über­zo­gen sein. Dass sie ein­fach eine klei­ne Prin­zes­sin sei. Wenn ich so etwas lese, möch­te ich der/dem Autor/in am liebs­ten rechts und links eine run­ter hau­en - in der Hoff­nung, der­je­ni­ge käme wie­der zu Ver­stand. Aber lei­der zeigt die Zahl sol­cher Kom­men­ta­re unwei­ger­lich, wie ein Groß­teil der Men­schen ist.

Wenn du in unse­rer Gesell­schaft eine psy­chi­sche Krank­heit hast, wird die­se oft run­ter­ge­spielt. Meis­tens sei es nur die Puber­tät, man wol­le Auf­merk­sam­keit oder sol­le sich ein­fach nicht so haben, ande­ren gehe es schließ­lich viel schlech­ter (Das ist übri­gens mein „Lieb­lings­ar­gu­ment”: „Ande­ren geht es viel schlech­ter als dir, hab dich mal nicht so!” Super. Das heißt, ab jetzt wer­de ich mich nie wie­der freu­en, ande­re sind schließ­lich viel glück­li­cher als ich. Merkt ihr selbst, ‚ne?).

Dabei wäre es so wich­tig, die Men­schen für psy­chi­sche Krank­hei­ten zu sen­si­bi­li­sie­ren. „13 Rea­sons Why” zeigt eigent­lich sehr ein­drucks­voll, dass - befin­det ein Mensch sich erst ein­mal in einer schlech­ten psy­chi­schen Ver­fas­sung - die kleins­ten Din­ge, die kleins­ten Wor­te, die kleins­ten Ges­ten ein wei­te­rer Tritt in den Abgrund sein kön­nen. Doch die Men­schen schei­nen das nicht zu ver­ste­hen. Um Sui­zid zu bege­hen, muss immer etwas gro­ßes, schreck­li­ches pas­sie­ren, den­ken sie. Dabei kön­nen es die „banals­ten” Klei­nig­kei­ten sein - ste­ter Trop­fen höhlt den Stein: Der älte­re Jun­ge, der dir in der Grund­schu­le immer gesagt hat, wie häss­lich und dumm du bist und alle ande­ren, die ihm hin­ter­her gerannt sind und dich aus­ge­schlos­sen haben. Die Grup­pe, bei der du dach­test, du gehörst dazu, die aber jedes mal ein­fach wei­ter­re­den, wenn du etwas sagen willst. Die Schüler/innen, die dich aus­la­chen, weil du beim 100-Meter-Lauf hin­ge­fal­len bist. Die Leu­te, die abfäl­li­ge Bemer­kun­gen über dein Lieb­lings­shirt, oder dei­nen Musik­ge­schmack machen. All das sind win­zi­ge Din­ge, die dir jedes mal wie­der einen klei­nen Schub­ser geben.

Und irgend­wann fängst du an, dir selbst für alles die Schuld zu geben: Wärest du doch nicht so lang­wei­lig, dann wür­den sie dir auch zuhö­ren. Wärest du doch nicht so unsport­lich, dann wür­den sie dich nicht aus­la­chen. Wärest du doch nur „nor­mal”, dann wür­den sie dich akzep­tie­ren. Und das wird immer schlim­mer. Irgend­wann fängst du an, dir die Schuld dafür zu geben, dass dei­ne Eltern strei­ten, obwohl sie sich bloß nicht eini­gen kön­nen, ob sie den neu­en Fern­se­her kau­fen soll­ten. Und du gibst dir die Schuld dar­an, dass es dei­nem bes­ten Freund oder dei­ner bes­ten Freun­din schlecht geht, weil er oder sie sich Sor­gen um dich macht. Dann redest du dir ein, dass alle bes­ser dran wären ohne dich. Weil dir nie jemand etwas Posi­ti­ves sagt, son­dern sie dir immer nur dei­ne Feh­ler im Streit vor­wer­fen. Und wenn es so weit gekom­men ist, geht der Stru­del immer wei­ter nach unten. Du kannst nachts nicht mehr schla­fen, weil du dir Gedan­ken machst, oder du weinst dich in den Schlaf und schläfst unru­hig. Dadurch bist du in der Schu­le müde und unkon­zen­triert und schriebst schlech­te Noten. Das fin­den dei­ne Eltern nicht gut und ver­lan­gen von dir, dich zu ver­bes­sern. Des­halb machst du dir wie­der Vor­wür­fe, du wür­dest ihnen nur Sor­gen berei­ten. Du ver­suchst, mehr zu ler­nen, alles auf ein­mal, doch du schaffst es nicht, weil es ein­fach zu viel ist. Du bricht unter dem Leis­tungs­druck zusam­men und machst dir noch mehr Vor­wür­fe.

Dann kom­men die stum­men Hil­fe­schreie: Du fängst viel­leicht an, dich selbst zu ver­let­zen, was noch mal ein ganz eige­ner Stru­del für sich ist. Viel­leicht bekommst du eine Ess­stö­rung, es wird ja einen Grund gehabt haben, war­um der Jun­ge in der Grund­schu­le dich häss­lich genannt hat. Dann trägst du nur noch lan­ge und wei­te Klei­dung und hoffst ins­ge­heim, irgend­je­mand wür­de es mer­ken. Viel­leicht merkt es auch wirk­lich jemand, aber es wird nicht ernst genom­men, es ist schließ­lich nur die Puber­tät. Und so geht es immer wei­ter. Ich den­ke ihr könnt euch den Rest vor­stel­len. Eini­ge sehen dann nur den Aus­weg im Sui­zid, wobei der Ver­such unter­schied­lich enden kann: Er könn­te „erfolg­reich” enden. Dann machen sich alle Gedan­ken und behaup­ten, sie hät­ten die Zei­chen ja erkannt, sich aber nicht getraut, etwas zu sagen. Oder der Sui­zid­ver­such schei­tert. Du wirst „zu zei­tig” gefun­den, dich holt jemand von den Schie­nen oder der Brü­cke, jemand ruft den Kran­ken­wa­gen. Dann fan­gen sie auch an, sich Gedan­ken zu machen.

Aber dann ist es schon zu spät! Dann sind die Betrof­fe­nen schon voll­kom­men kaputt. So kaputt, dass sie kei­nen ande­ren Aus­weg mehr gese­hen haben, als alles zu been­den.

Und es steht ver­dammt noch mal kei­nem Men­schen zu, die Grün­de für einen Sui­zid zu beur­tei­len! Man­che Men­schen sind so mit sich im Rei­nen, dass es ihnen am Ar*** vor­bei geht, wenn jemand etwas über sie sagt. Das ist wirk­lich bewun­derns­wert, aber ande­re Men­schen trifft so etwas här­ter. Des­halb ist es auch voll­kom­men bescheu­ert, nach einer Belei­di­gung zu sagen „Das war doch nur ein Witz, nimm’s nicht so!” Nur weil den­je­ni­gen so eine Belei­di­gung nicht küm­mern wür­de, muss es bei ande­ren nicht auch so sein.

Seid auf­merk­sa­mer und empha­ti­scher im Umgang mit euren Mit­men­schen. Denkt nach, bevor ihr den Mund auf­macht. Und hört den Men­schen zu. Sui­zid­ge­fähr­de­te haben oft das Gefühl, dass sie kei­ner ver­steht, also nehmt euch ein­fach mal eine hal­be Stun­de und unter­hal­tet euch mit Leu­ten und hört ihnen auf­merk­sam zu.

Und an alle, die selbst mit so etwas zu kämp­fen haben: redet. Ich weiß, das ist alles ande­re als ein­fach. Ihr müsst nicht zu euren Eltern gehen, wenn ihr nicht möch­tet, redet ein­fach mit irgend­je­man­dem - Groß­el­tern, Ver­wand­te, Geschwis­ter, Freun­de, Leh­rer, Ärz­te, sprecht mei­net­we­gen mich an, aber redet mit jeman­dem. Die Leu­te kön­nen nicht in eure Köp­fe gucken. Ihr könnt auch die Tele­fon­seel­sor­ge (www.telefonseelsorge.de) kon­tak­tie­ren. Unter der kos­ten­lo­sen Hot­line 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhal­tet ihr Hil­fe von Bera­tern, die Aus­we­ge aus schwie­ri­gen Situa­tio­nen auf­zei­gen kön­nen.

Und damit das hier jetzt nicht noch mehr aus­ar­tet, höre ich ein­fach an der Stel­le mit einem Zitat von Alex aus „13 Rea­sons Why” auf. Er sag­te: „Über­all hän­gen sie Pla­ka­te auf, auf denen steht ‚Bring dich nicht um!’ Wie wäre es statt­des­sen mit Pla­ka­ten, auf denen steht ‚Sei kein Arsch­loch!’?”

 

PK


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