Traum oder Wirklichkeit

Ich tas­te­te mich an der Wand die­ses lan­gen dunk­len Gan­ges ent­lang. Es roch mod­rig und mir war kalt. Durch mei­ne Schu­he spür­te ich die Näs­se auf­stei­gen. Die Wand unter mei­nen Hän­den fühl­te sich feucht und schmie­rig an. Ich konn­te nichts sehen. Die Dun­kel­heit schien undurch­dring­lich. „Nicht ste­hen blei­ben, geh wei­ter“, häm­mer­te es in mei­nem Kopf.

Ich wuss­te, dass ich wei­ter muss­te. Nur nicht ste­hen blei­ben. Ich wuss­te, am Ende des Gan­ges wird es warm und hell sein. Und ich wer­de in Sicher­heit sein.

Ich rutsch­te auf dem schmie­ri­gen Boden ab. Ein bren­nen­der Schmerz durch­zog mei­nen lin­ken Fuß. Ich zuck­te zusam­men und biss mir auf die Unter­lip­pe, um den Schmerz zu ertra­gen. Für einen Moment war ich wie erstarrt. Das Wei­ter­lau­fen wur­de uner­träg­lich, aber ich konn­te jetzt nicht auf­ge­ben. Ich lief wei­ter, immer wei­ter, bis ich nach einer gefühl­ten Ewig­keit, ein schwa­ches Licht in der Fer­ne wahr­neh­men konn­te. „Das muss es sein! Ich hab’s geschafft!“, dach­te ich erleich­tert und fing an zu ren­nen. Trotz der Schmer­zen im Fuß rann­te ich wei­ter, die Hoff­nung dar­auf, den Aus­gang end­lich gefun­den zu haben, ließ mich immer schnel­ler lau­fen und die Schmer­zen ver­ges­sen. Das Licht wur­de immer stär­ker und blen­de­te mich. Ich hielt mei­ne Hand schüt­zend vor mei­ne Augen. Das Licht umhüll­te mich voll und ganz. Es fühl­te sich warm an und ich muss­te lächeln. Es dau­er­te einen Moment, bevor ich über­haupt etwas erken­nen konn­te. Ich stand auf einer Wie­se mit ver­schie­dens­ten Blu­men­ar­ten. Schnell zog ich mei­ne Schu­he aus, um das Gras unter mei­nen Füßen spü­ren zu kön­nen. Ein hef­ti­ger Wind­stoß kam plötz­lich von hin­ten. Blitz­ar­tig dreh­te ich mich um und zu mei­ner Ver­wun­de­rung war der Gang, aus dem ich gekom­men war, ver­schwun­den. „Hey!“, eine kind­li­che weib­li­che Stim­me schrie mich von vorn an. Eschro­cken dreh­te ich mich um. Ein klei­nes, nur etwa 1,40 m gro­ßes blau­äu­gi­ges, bar­fü­ßi­ges Mäd­chen mit lan­gen offe­nen hell­vio­let­ten Haa­ren und einem pin­ken T-Shirt und dun­kel­blau­er Hose, die ihr gera­de mal bis über die Knie reich­te, stand vor mir. „Wach auf!“, schrie das Mäd­chen mich wie­der an. „Hä?“, ver­wirrt sah ich sie an. Ihr Blick wur­de erns­ter „Na gut, wie du willst, dann hel­fe ich dir halt“, sag­te sie. Das Mäd­chen senk­te ihren Kopf. Plötz­lich färb­te sich ihre Klei­dung und auch ihr Haa­re in ein tie­fes dunk­les Schwarz. Sie streck­te ihren lin­ken Arm aus und ein hef­ti­ger Wind kam von allen Sei­ten. Dann fing es auch noch an zu regen, es tob­te schon nach weni­gen Augen­bli­cken ein star­kes Unwet­ter. Das Mäd­chen form­te ihre Hand so, als wür­de sie etwas hal­ten. Plötz­lich flo­gen alle Regen­trop­fen zu ihr. Nach kur­zer Zeit hat­te sich ein Speer aus sich immer mehr kris­tal­li­sie­ren­dem Eis gebil­det. Aber was mir beson­ders auf­fiel, war, dass sie ihn auf sich gerich­tet hat­te. Wir blie­ben bei­de ein paar Sekun­den regungs­los gegen­über ste­hen. Auf ein­mal ramm­te sie den nun völ­lig kris­tal­li­sier­ten Sperr in die Erde. Der Boden fing an zu beben und ein paar Stel­len bra­chen unter ihr auf. ‚Stand ich die gan­ze Zeit etwa auf einer Platt­form?‘, frag­te ich mich. Das Mäd­chen hol­te aus und stach erneut in den Boden „Hör auf!“, schrie ich sie an. Aber ver­geb­lich. Sie hör­te ein­fach nicht auf bis auch ich den Halt ver­lor und in das schein­bar end­lo­se Nichts fiel...

 

„Finn! Finn, wo bleibst du? Du musst in die Schu­le!“ Erschro­cken wach­te ich auf. Ich sah mich um und erkann­te, dass ich mich in mei­nem Zim­mer befand. Ich war erleich­tert dar­über. „Finn, komm schon!“, hör­te ich mei­ne Mut­ter ver­är­gert rufen. „Äh, bin gleich da!“, rief ich zurück. Noch ver­wirrt über den Traum zog ich mich schnell an, putz­te die Zäh­ne, griff mei­ne Map­pe und rann­te in den Flur, wo mei­ne Mut­ter schon unge­dul­dig auf mich war­te­te. „Hast du etwa schon wie­der ver­schla­fen?“, frag­te sie in stren­gem Ton. „Ja, tut mir leid“, konn­te ich nur erwi­dern. Mit einem Stöh­nen und einem leich­ten Kopf­schüt­teln ver­ließ sie das Haus.

Der Unter­richt begann, aber komi­scher­wei­se fehl­te der Leh­rer. In der Klas­se wur­de es nun ziem­lich laut. Natür­lich gab es auch eini­ge Schü­ler, die ver­such­ten noch etwas für den Unter­richt anzu­schau­en, meist ohne Erfolg.

 

Plötz­lich ging die Tür auf, der Leh­rer kam her­ein. Merk­wür­di­ger­wei­se ließ er die Tür offen. „Guten Mor­gen, Kin­der!“ – „Guten Mor­gen Herr Leh­rer!“, ent­geg­ne­ten wir.

 

Unser Leh­rer sah uns bedeu­tungs­voll an. „So, ich möch­te euch heu­te eine neue Schü­le­rin vor­stel­len. Sie ist sehr schüch­tern. Vor allem wegen ihrer Grö­ße. Also ärgert sie nicht“, fuhr er fort. Dann wand­te er sich zur Tür: „Du kannst her­ein­kom­men.“ Ein Mäd­chen betrat den Klas­sen­raum und ich zuck­te zusam­men. Es war das Mäd­chen mit den hell­vio­let­ten Haa­ren aus mei­nem Traum. Ich ver­stand gar nichts mehr. „Darf ich vor­stel­len, das ist Nele Weber“, erklär­te unser Leh­rer. „Hal­lo“, sag­te sie mit lei­ser Stim­me.

 

„Set­ze dich bit­te dahin“, for­der­te mein Leh­rer sie auf und zeig­te auf den lee­ren Platz neben mir.

Sie kam auf mich zu und setz­te sich neben mich. In mei­nem Kopf über­schlu­gen sich die Gedan­ken: ‚Was soll das? Wer ist sie? Wie­so habe ich von ihr geträumt?...‘

 

Die gan­ze Stun­de saßen wir schwei­gend neben­ein­an­der. In der Früh­stücks­pau­se nahm ich mir vor, sie end­lich anzu­spre­chen, was ich dann letzt­end­lich auch tat. „Hi…, du bist also Nele?“, ich schäm­te mich schon fast, weil mir nichts Bes­se­res ein­fiel, aber irgend­wie muss­te das Gespräch doch begin­nen.

„Ja, ich bin Nele, Finn.“ Sie sah mich dabei von der Sei­te an und hielt mich auch wei­ter fest im Blick. Leicht erschro­cken frag­te ich wei­ter: „Ähm,…mein Traum…wieso hab ich von dir geträumt?“ Nele grins­te mich an und guck­te dann nach oben: „Du…träumst…immer…noch“. – „Was?“ Ich sah sie ver­dutzt an. „Fol­ge mir!“ Nele stand auf und ver­ließ den Klas­sen­raum. „War­te mal!“ rief ich ihr hin­ter­her, stand auf und lief ihr nach. Sie beschleu­nig­te ihren Gang, so dass es mir immer schwe­rer fiel, ihr zu fol­gen. Sie lief bereits aus der Schu­le her­aus in die Stadt hin­ein. Nele wur­de immer schnel­ler, dann ver­lor ich sie aus dem Blick, „Hal­lo, Nele…wo bist du?…Hallo?“, mei­ne eige­nen Schrit­te wur­den lang­sa­mer, mir fiel auf, dass ich mich mit­ten in der Stadt befand. Ich sah mich nach allen Sei­ten um. Plötz­lich ent­deck­te ich Nele auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te. Ich rann­te ohne Nach­zu­den­ken los. Wie aus dem Nichts kam die­ses viel zu schnel­le Auto auf mich zu. Ich nahm das schril­le Quiet­schen der scharf brem­sen­den Räder wahr. Dann wur­de alles dun­kel…

 

Schon wie­der wach­te ich in mei­nem Zim­mer auf. Mein Herz ras­te. „War das auch nur ein Traum?“ Ich war ver­wirrt. „Aber ist ja auch egal.“ Ich ver­such­te die­se Fra­ge zu ver­drän­gen, obwohl es mich schon sehr beschäf­ti­ge.

 

Als ich mich ange­zo­gen und mei­ne Zäh­ne geputzt hat­te, mach­te ich mich auf den Weg zur Küche. Doch dann klin­gel­te es an der Tür. Ich ging zu ihr und öff­ne­te sie. „Guten Mor­gen.“ Vor der Tür stand Nele. Ich war geschockt. Nun war ich noch ver­wirr­ter als zuvor. „Wie? Was? Hä?…“ Ich sah Nele fas­sungs­los an. Aber sie lächel­te mich nur an. „Nanu, wer ist denn das?“, frag­te mei­ne Mut­ter neu­gie­rig. Bevor ich ant­wor­ten konn­te, sag­te Nele: „Ich bin eine Freun­din von ihren Sohn, er hat­te mich gebe­ten ihn heu­te abzu­ho­len und ja… jetzt bin ich hier.“ „Ach so“, wink­te mei­ne Mut­ter mit einem Grin­sen ab. „Na, dann passt gut auf euch!“ und schon ver­schwand sie wie­der in der Küche. Wir ver­lie­ßen das Haus. Aber nach weni­gen Schrit­ten blieb ich ste­hen und stell­te Nele zur Rede: „Wer oder was bist du? Du bist kein Mensch oder…? Und was soll das alles?“ – „Idi­ot, du raffst es ein­fach nicht, du träumst…“ Nele wand­te sich mir zu und mit erns­tem Ton sprach sie wei­ter: „Das alles hier ist nicht echt, das ist nur ein Pro­dukt dei­ner Fan­ta­sie, genau wie auch ich. Dein wah­rer Kör­per liegt im Koma und… und sie sind dabei dich auf­zu­ge­ben. Sie wol­len dir bald den Ste­cker zie­hen, kannst du das ver­ste­hen?“ Ich konn­te es nicht glau­ben, nein, ich woll­te das ein­fach nicht glau­ben, aber es ergab jetzt irgend­wie alles einen Sinn. „Wenn das wirk­lich wahr sein soll­te, was du da sagst, dann müs­sen wir mich ganz schnell auf­we­cken“, sag­te ich ent­schlos­sen. „Ja!“, ihre Stim­me klang jetzt fröh­lich und vol­ler Erleich­te­rung.

„Wir müs­sen so schnell wie mög­lich anfan­gen. Sag mir …was erschreckt oder vor was fürch­test du dich am meis­ten, Finn?“ Sie führ­te mich in einen öffent­li­chen Park. Dort setz­ten wir uns auf eine Bank.

 

„Also, lass mich mal kurz nach den­ken“, sag­te ich. Aber egal, wie sehr ich mich auch anstreng­te, mir fiel ein­fach nichts ein. „Nele, mir fällt ein­fach Nichts ein“, sag­te ich zu ihr. „Kon­zen­trier dich mal!“, schimpf­te sie. „Aber jetzt mal ernst­haft, du hast doch sicher etwas, was du nie­mals erle­ben möch­test, wovor du abso­lut Angst hast.“, sie schau­te mich erwar­tungs­voll an. „Naja, Was­ser“, mur­mel­te ich lei­se. „Was?“ Nele wur­de unge­dul­dig. „Es ist Was­ser! Ich bin als 3 –Jäh­ri­ger fast ein­mal ertrun­ken. Seit­dem habe ich Angst vor Was­ser“, gestand ich. „Ich schwim­me nir­gends, wo ich den Grund nicht sehen kann. Auch Tau­chen traue ich mir nicht. Dunk­les, tie­fes Was­ser macht mir Angst.“ – „Ok. Gut“, sag­te Nele. „Lass es uns ver­su­chen.“ Ich sah sie ungläu­big und etwas ängst­lich an. Was wür­de jetzt schon wie­der pas­sie­ren.

 

Ich fand mich in dem lan­gen, dunk­len Gang wie­der. Am Ende des Gan­ges sah ich das Licht durch eine Öff­nung in der Wand schei­nen. Das Was­ser stieg unauf­hör­lich. Es ging mir schon bis zu den Kni­en. ‚Schnel­ler lau­fen! Ich muss schnel­ler lau­fen‘, dräng­te mei­ne inne­re Stim­me.

 

Durch das schnell stei­gen­de Was­ser, kam ich immer schwe­rer vor­an. Ich fror. Das Was­ser war eis­kalt und durch das Gestein wirk­te es tief­schwarz. Ich bekam Angst. Angst davor den Aus­gang nicht mehr recht­zei­tig errei­chen zu kön­nen. Das Was­ser stieg rasend schnell wei­ter. Es reich­te mir jetzt bis zur Brust. Ich konn­te kaum noch Halt fin­den. Das Licht am Aus­gang ver­schwand von Zeit zu Zeit unter dem Was­ser­spie­gel. „Ich schaff es nicht.“ Die Trä­nen schos­sen mir in die Augen. Dann ver­lor ich den Halt und geriet für einen Moment unter Was­ser. Ich woll­te nur noch raus. Dann sah ich wie­der das Licht und schwamm los. Mir wur­de immer kla­rer, dass ich tau­chen muss­te, um den Aus­gang zu errei­chen. Ich woll­te nicht tau­chen. Noch immer wehr­te ich mich inner­lich dage­gen. Ich woll­te nicht akzep­tie­ren, dass es kei­ne ande­re Mög­lich­keit gab. Doch ich woll­te leben. Also nahm ich allen Mut zusam­men, hol­te tief Luft, tauch­te hin­un­ter und öff­ne­te mei­ne Augen. Ich erkann­te das schwa­che Licht am Aus­gang und beweg­te mich dar­auf zu. Ich merk­te, wie mir die Luft aus­ging. Ich nahm ein letz­tes Mal alle Kraft zusam­men, stieß mich ab und streck­te mei­ne Hän­de dem Licht ent­ge­gen….

 

Ich bekam wie­der Luft. War es vor­bei? Ich erschrak, mir stand Nele direkt gegen­über. Wir befan­den uns in einem dun­kel­blau ange­stri­che­nen Raum. „Du Idi­ot! Ich ver­ste­he es nicht, willst du nicht auf­wa­chen?…“ – „Sei still, natür­lich will ich auf­wa­chen! Nein, ich wer­de auf­wa­chen“, ich guck­te sie ernst an aber sie lächel­te nur. Plötz­lich stieg ganz schnell Was­ser an, es dau­er­te nicht lan­ge bis der gesam­te Raum unter Was­ser stand und am Boden ein hel­les Licht erschien. Ich wuss­te, was ich mache muss­te. Ich tauch­te immer tie­fer bis ich es berühr­te und in die­sem Moment wach­te ich in einem Kran­ken­haus­zim­mer auf, mein Blick auf die Decke gerich­tet. Neben mir hör­te ich ein Schluch­zen. Ich wen­de­te mei­nen Blick zur Sei­te, es waren mei­ne Eltern die neben dem Bett saßen. „Mama, Papa“, flüs­te­re ich. Es fiel mir schwer irgend­was zu sagen. „Finn!“, mei­ne Mut­ter umarm­te mich. „Pass auf Schatz, sonst brichst du ihm ja noch mehr Kno­chen.“ Mein Vater wirk­te sehr erleich­tert. „Man darf sich doch mal freu­en“, sag­te sie mit zit­tern­der Stim­me. Ich sah durch ein Fens­ter zum Flur in den Gang hin­aus. Was ich sah, war Nele…

 

Fort­set­zung folgt.

 

NK


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